
Anfeuernde Rufe, Rennen mit voller Konzentration, dann endlich Schuss und „Gol“: Rund um die Uhr kann man hier in Brasilien solche Szenen beobachten. Jeder ist hier Fan eines Fußballvereins. Brasilianer lieben den Fußball!
Seit gut einem halben Jahr darf ich das Land des Fußballs live erleben. Ich mache in einer gemeinnützigen Organisation im Westen von São Paulo einen Freiwilligendienst. Hier in der „Liga Solidária“ arbeite ich mit Kindern aus sozialen Risikogebieten.
Obwohl viele Brasilianer vor der Weltmeisterschaft im letzten Jahr große Sorgen hatten, sind viele im Nachhinein stolz auf das Megaevent. „Ich dachte anfangs aufgrund der Korruption wird das nie was“, meint der 25-jährige Jefferson Santos aus São Paulo, „aber es war einfach ein tolles Erlebnis für mich als Brasilianer.“
Korruption und andere Probleme

In der Megacity São Paulo leben fast zwei Millionen Menschen. Foto: Lisa Kuner
Mehr als ein halbes Jahr nach der Weltmeisterschaft ist die Stimmung im Land immer noch angespannt. Die Präsidentschaftswahlen im letzten Oktober, bei denen Dilma Rousseff erneut zur Präsidentin gewählt wurde, haben das Land gespalten. Rousseff konnte nur knapp überzeugen. Viele Brasilianer hätten ihren Herausforderer Aécio Neves und dessen liberalere Wirtschaftspolitik vorgezogen.
Eine der größten Herausforderungen für die Präsidentin ist der Umgang mit dem Skandal rund um den Mineralölkonzern Petrobas. Im letzten Jahr war bekannt geworden, dass die regierende Arbeiterpartei PT der Präsidentin bei Vertragsabschlüssen mit dem Konzern immer wieder Bestechungsgelder eingestrichen hatte. In Brasilien ist Korruption auf allen Ebenen weit verbreitet und bremst sowohl das Wirtschaftswachstum als auch viele Investitionen erheblich aus.
In São Paulo beschäftigt die Menschen gerade allerdings ein ganz anderes Problem: Es fehlt Wasser. Knapp 40 Prozent des Wassers geht im maroden Leitungssystem der Stadt verloren. Verschärft hat sich die Situation im letzten Jahr durch den ausbleibenden Regen. Trotz ständiger Rationierungen weiß keiner, ob der Stadt nicht irgendwann das Wasser ausgeht. Die Politik ignoriert dieses Problem seit Jahren und der Unmut in der Bevölkerung wächst von Tag zu Tag.
Problembaustelle Bildung
Auch sie gehören zu Brasilien: die Favelas. Foto: Lisa Kuner
Eines der größten Probleme des Landes ist die Bildung. Die öffentlichen Schulen sind schlecht, die Lehrer unterbezahlt, der Unterricht fällt oft aus, was viele Schüler frustriert.
Private Schulen sind sehr teuer, trotzdem versuchen viele Eltern ihren Kindern so eine bessere Bildung zu ermöglichen. Auch die 19-jährige Hemylle Oliveira sieht in der Bildung Brasiliens größtes Problem. „Leider liegt unser Bildungsstandard weit hinter dem anderer Länder und es gibt bisher nur wenige echte Verbesserungen und Fortschritte“, meint sie.
Das eigentlich Paradoxe an dem System ist, dass die öffentlichen, kostenlosen Universitäten sehr gut sind. Dort kann man aber nur mit dem Bestehen eines schwierigen Aufnahmetests studieren. Und den bestehen nur wenige Schüler, die öffentliche Schulen besucht haben.
Junge Menschen sind voller Hoffnung
Auch wenn Brasilien noch einige Probleme hat, geht es in vielen Bereichen bergauf. Hier in São Paulo bin ich beeindruckt von dem unkomplizierten, öffentlichen Gesundheitssystem. Jeder kann zu einer der zahlreichen Gesundheitsstationen gehen und wird dort kostenlos behandelt.
Die Mittelschicht ist in den letzten Jahren gewachsen. Dank der Sozialhilfe „Bolsa Familia“ und dem Grundnahrungspaket „Cesta Basica“ gibt es heute kaum noch Menschen, die hungern müssen.
Viele junge Menschen sind stolz auf ihr Land und hoffen auf eine bessere Zukunft, so wie Jefferson Santos. Trotzdem hat er seine Bedenken. „Ich bin sehr stolz, Brasilianer zu sein, aber manchmal schäme ich mich auch für alles, was in diesem Land schief läuft.“ Hemylle Oliveria sieht das ähnlich. „Es ist noch nicht alles gut, aber das Meiste ist viel besser als noch vor ein paar Jahren“, findet die Studentin.
2016 kommen die Olympischen Spiele
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Lisa war schon drin, im weltweit bekannten Maracanã, dem Stadion, das auch bei den Olympischen Spielen 2016 eine zentrale Rolle spielen wird. Foto: Lisa Kuner
Im kommenden Jahr steht das nächste Großereignis an: die Olympischen Sommerspiele. Mit dem Druck von WM und Olympia hat sich im öffentlichen Verkehrssystem einiges getan. São Paulo besitzt eine der modernsten U-Bahnen weltweit. Leider ist das Streckennetz längst nicht in allen Teilen der Stadt ausgebaut. Zurzeit wird allerdings in neue Busse, Busspuren und Radwege investiert. Natürlich haben vielen Investitionen ihren Preis. Weil die Ticketpreise für den Nahverkehr erhöht wurden, brannten in den letzten Wochen Busse.
Für die Olympischen Spiele wurde vor allem in der heimlichen Hauptstadt Rio de Janeiro investiert. Bestehende Stadien werden grundsaniert und neue errichtet. Es gibt darüber hinaus auch infrastrukturelle Projekte, von denen hoffentlich die Bevölkerung profitieren wird. So sollen zum Beispiel das U-Bahnnetz und die Schnellstraßen weiter ausgebaut werden. Auch Umweltprojekte werden gefördert.
Obwohl vor dem „Land des Fußballs“ noch viele Herausforderungen liegen und es noch viele Hindernisse zu überwinden gilt, geht es aufwärts. 2016 werden sich mit den Olympischen Spielen wieder alle Augen auf Brasilien richten. Es bleibt zu hoffen, dass das Ganze – wie die Fußball-WM im letzten Jahr – ein Fest des Sports für Brasilien und die Welt werden wird.






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