Marco Hess an Tisch mit Laptop, neben ihm vier ältere Männer und Frauen, die ihm zusehen
Aus Skepsis wurde Begeisterung. Seit Oberbalbach Zugang zum Internet hat, legen viele Ältere ihre Skepsis gegenüber dem Netz ab. Foto: Marco Hess

Lange Zeit herrschte in der Heimatgemeinde von Schekker-Autor Marco tote Hose in Sachen moderne Kommunikation. Erst 2007 hielt zu seiner Freude auch das DSL-Netz dort Einzug. Ein Bericht über das Leben vor und nach dem Anschluss ans Netz.

Ganz Deutschland ist vernetzt: Mehr als 40 Millionen Internetnutzer in Deutschland sind im Schnitt mehr als 8 Stunden im Monat online. Ganz Deutschland? Nicht ganz. Es gibt noch „weiße Flecken“ ohne Internet, insbesondere auf dem Land. Im übrigen Deutschland erscheint dies fast unvorstellbar – dabei ist es gar nicht so lange her, dass mancher seine erste E-Mail geschrieben hat. So wie ich, ehe meine Heimatgemeinde Oberbalbach, im nordöstlichsten Zipfel Baden-Württembergs gelegen, an das DSL-Netz angeschlossen wurde. Internet kannte ich bis dahin nur von Besuchen bei Freunden oder über die Alternative per Modem, was jedes Mal ein sehr nerviges Prozedere war.

DSL: Städte zuerst


Oberbalbach: Bis 2007 kannte Marco das Internet von Besuchen bei Freunden, dann hielt DSL Einzug. Foto: Marco Hess

Früh aber vergebens hatte sich Oberbalbach um einen DSL-Anschluss bemüht. Schon 2005 befasste sich Ortsvorsteher Joachim Markert gemeinsam mit dem Ortschaftsrat mit dem Vorhaben. „Wir waren die einzige Gemeinde aus dem Main-Tauber-Kreis, die den Ausbau nachdrücklich von Kreis und Telekom forderte“, erklärt er rückblickend. „Wir brauchen eine gute Infrastruktur im Bereich der Technologie, denn wir haben auch Computerfirmen vor Ort sowie Finanzberater, die auf einen guten Anschluss angewiesen sind!“ Beim Netzausbau konzentrierten sich die DSL-Anbieter jedoch zunächst auf die Städte. Dörfer und ländliche Gebiete müssen sich oft hinten anstellen.

„Wurde auch Zeit!“

Breitbandstrategie der Bundesregierung
In Deutschland können zwei Drittel der Haushalte Breitbandanschlüsse nutzen, aber es gibt noch immer „weiße Flecken“ insbesondere auf dem Land. Die Bundesregierung will deshalb die flächendeckende Breitbandversorgung forcieren. Bis 2014 sollen 75 Prozent der Haushalte Zugang zu Hochleistungsnetzen haben. Weitere Informationen zur Breitbandstrategie der Bundesregierung findet ihr auf dem Breitbandportal des Bundeswirtschaftsministeriums.

2007 war es dann endlich so weit. Seither nutzt Oberbalbach das Netz selbstverständlich, um sich auf der Webseite der Gemeinde, die ich 2007 gebaut habe und bis heute betreue, zu präsentieren.

Besonders wir Jüngeren freuten uns damals über die neue Möglichkeit, jetzt auch das Internet zu nutzen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich voller Tatendrang meinen gerade erst neu gekauften Laptop anschaltete und voller Freude einem Freund eine Mail schrieb. Seine knappe Antwort darauf: „Na endlich, wurde ja auch Zeit!“.

Was für andere Jugendliche schon längst unverzichtbar war, wurde 2007 auch für uns normal: Facebook, Schüler VZ, Chats. Seitdem hängt in manchen Familien der Haussegen schief, wenn nach Auffassung der Eltern der Sohn, die Tochter oder beide wieder einmal zu lange im Internet gewesen sind. Kein Wunder, da insbesondere viele Eltern und Großeltern dem Internet skeptisch gegenüberstanden und manche bis heute stehen – hatten sie doch in den klassischen Medien gesehen, gelesen oder gehört, dass viele Gefahren im Netz schlummern.

Generationentreff Computerkurs


Im Computerkurs bauen viele Senioren ihre Hemmschwellen ab, das Internet zu nutzen. Foto: Marco Hess

Damit dies nicht so blieb, bot ich einen Computerkurs an, um den Älteren die Hemmungen zu nehmen, das Internet für sich zu entdecken und zu nutzen. Schwebten anfangs noch unzählige Fragezeichen über den bisweilen angegrauten Köpfen, hat sich mittlerweile die Einstellung gegenüber dem Internet bei vielen gewandelt: Von Unkenntnis oder Desinteresse kann keine Rede mehr sein.

So ist nun auch die ältere Generation in Oberbalbach zunehmend „online“, das Misstrauen ist in Begeisterung umgeschlagen. Ein Senior freut sich besonders: „Ich kann nun mit meiner Enkelin in Amerika schreiben, telefonieren oder Bilder austauschen. Das ist eine tolle Sache und war früher nicht denkbar!“

DSL sichert Einwohnerzahlen

In Sachen Internet gibt es in Oberbalbach keinen Grund mehr zur Klage: Die bestehenden Firmen bleiben am Ort, Jobs können per Home Office erledigt werden, Schüler vernünftig lernen und Studierende am Wochenende ihr Lernmaterial herunterladen – und Jung wie Alt können chatten, mailen, Neuigkeiten posten. Also alle rundum glücklich? Nicht ganz, denn bestimmte Mängel kann auch das Internet nicht beseitigen. Die jungen Oberbalbacher wünschen sich schon lange ein Jugendhaus.

Kommentare

Sehr interessant und aufschlussreich. Muss man unbedingt weiter empfehlen. Wir haben es gerade im Unterricht gelesen. Wir lieben euch :*** Yolo

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