Jemand hilft einer anderen Person
Die Pflege eines Angehörigen ist keine leichte Sache. Foto: Maximilian Hofer

Deutschland wird älter und immer mehr ältere Menschen sind auf Pflege angewiesen. Mindestens die Hälfte der betroffenen Personen wohnt daheim. Wie gehen Angehörige mit einem Pflegefall innerhalb der Familie um? Schekker-Autor Maximilian pflegt bereits seit mehreren Jahren seine Mutter und berichtet euch von seinen Erfahrungen.

Die Pflege eines Angehörigen ist keine leichte Aufgabe – das sollte uns allen bewusst sein.
Unter Pflege verstehen die meisten nur „Arsch abwischen“, aber es gehört mehr dazu als das. Pflege bedeutet, für jemanden da sein, ihm physische Stabilität und Unterstützung geben. Gerade für Angehörige ist so eine Aufgabe eine besonders große Last.

Meine Mutter hatte vor ca. sieben Jahren – ich war gerade zehn Jahre alt – eine Operation an der Wirbelsäule. Bei diesem Eingriff lief etwas schief. Nach langen Aufenthalten in Fachkliniken und Rehabilitationszentren ist sie nun ein Mensch, der ohne ihre Gehhilfen, starke Schmerzmittel und Antidepressiva nicht mehr durch den Alltag kommt.

Durch ihre Bewegungseinschränkungen muss ich sie heute in vielen alltäglichen Bereichen unterstützen. Bei der täglichen Körperpflege beispielsweise: Zweimal in der Woche helfe ich ihr beim Duschen, an den restlichen Tagen wird nur eine gründliche „Katzenwäsche“ gemacht – besonders in den Bereichen wie dem Rücken und dem Intimbereich, an die sie selbst nicht herankommt, ist sie auf meine Hilfe angewiesen. Im Haushalt, also bei der Reinigung der Wohnung, dem Wäschewaschen, Fensterputzen und der Müllentsorgung, werden wir wöchentlich noch durch einen externen Dienst unterstützt. Sonst hilft mir niemand – ich wohne seit vier Jahren allein mit meiner Mutter zusammen. Früher lebte noch mein Vater mit Zuhause, auch in der Zeit, als meine Mutti in den Kliniken war. Mein Vater hat die Pflege mit übernommen, aber seit die Scheidung meiner Eltern eingereicht wurde, pflege ich sie alleine.

Auch bei der Medikamenteneinnahme helfe ich meiner Mutter. Die Medikamente werden von mir jede Woche zusammengestellt, damit sie sich darum keine Gedanken mehr machen muss. Ich setze mich also jede Woche einmal hin und sortiere all ihre Medikamente in ihrem Wochendosett. Morgens gebe ich ihr ihre Medikamente dann immer, mittags schafft sie das alleine und abends erinnere ich sie nochmal daran.

Zwischen Resignation und Zuversicht


Die Medikamentenabgabe gehört zu seinen wichtigsten Aufgaben. Foto: Maximilian Hofer

Jeder wäre mit so einer Situation zunächst überfordert. Auch mir ging es nicht anders. Pflege bedeutet nicht nur, für jemand anderes da zu sein, sondern sein eigenes Leben teilweise oder mitunter auch komplett darauf einzustellen.

Irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich diese Umstände in mein eigenes Leben und die alltägliche Routine integriert hatte. Das ist erst einmal eine ganz schöne Umstellung! An manchen Tagen fällt es mir noch immer sehr schwer, weil es traurig und deprimierend ist, wenn man so eine junge Frau, mit gerade mal 45 Jahren, in so einer Situation sieht: Hilflos, in sich gekehrt und traurig.

Mich begleiten jeden Tag dieselben Gedanken: Ich selbst möchte niemals auf so viel Hilfe angewiesen sein. Für mich ist das eine sehr belastende Situation, immerhin ist sie ja meine Mutter. Jeden Tag, wenn ich sie bei der Körperpflege unterstütze, kommen so viele Gefühle hoch: Trauer, Enttäuschung, Verzweiflung – aber immer auch Freude und Hoffnung, weil sie noch da ist.

Freunde und Bekannte

Natürlich war es gerade in der Anfangszeit, nach den Operationen meiner Mutter, sehr schwer für mich, die neue Situation meinen Freunden beizubringen. Die meisten haben richtig blöde Kommentare gegeben und ich wurde leider auch gemobbt. Ich schiebe diese Mobbing-Angriffe immer auf die „moderne Gesellschaft“; es gibt einfach kaum Menschen, die dasselbe erlebt haben wie ich. Wie sollen die mir Respekt und Verständnis entgegenbringen? Aber es hatte auch was Gutes, die Zeit hat mir gezeigt, wer meine echten Freunde sind.

Die Finanzierung

Bei der Pflege eines Menschen kommt man schnell auf ein Thema zu sprechen, das man eher vermeiden möchte: Die Finanzen. Wie soll ich alles finanzieren können? Wie kann man uns Pflegeangehörige etwas entlasten? In der Anfangszeit haben wir alles aus eigener Tasche bezahlt. Wir wussten damals einfach nicht, dass es eine Unterstützung durch die Pflegekasse gibt – das lag wohl an der minderwertigen Aufklärung durch Ärzte und Pflegekräfte. Aber dann kam eine Bekannte und meinte, es gäbe doch die Pflegeversicherung mit ihren Pflegestufen, die durch finanzielle Unterstützung zum Beispiel eine private Pflegehilfskraft bezahlen kann.

Seit vier Jahren nehmen wir dieses Angebot nun auch in Anspruch. Dadurch bekommen wir nicht nur einen Pflegedienst bezahlt, sondern können auch eine private Pflegehilfskraft einstellen. Sie unterstützt mich, wenn ich mal nicht für meine Mutter da sein kann und übernimmt seit einiger Zeit auch die morgendliche Körperpflege, da ich es wegen meiner Arbeit zeitlich nicht mehr hinbekomme.


Wohnungsputz – für die einen eine lästige Angelegenheit, für die anderen eine Selbstverpflichtung. Foto: Maximilian Hofer

Meine Mama hat die Pflegestufe eins – insgesamt gibt es drei Pflegestufen plus Härtefall. Pflegestufe eins bedeutet, dass eine Person, in diesen Fall meine Mutter, körperliche sowie seelische Einschränkungen hat und ihren Alltag nicht mehr selbstständig bewältigen kann. Je weniger selbstständig man den Alltag bewältigen kann und je mehr „fremde Hilfe“ man braucht, desto höher die Pflegestufe und desto mehr Geld bekommt man von der Pflegekasse.

Eine Pflegestufe zu bekommen ist allerdings nicht so leicht, da die Pflegekasse ja viel Geld für einen Pflegebedürftigen Menschen ausgeben muss. Darum muss man besondere Kriterien erfüllen, die ich jetzt nicht alle auflisten kann. Aber so viel kann ich euch verraten: Für jede Tätigkeit gibt es vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen eine bestimmte Zeitvorgabe und alles, was man selbst nicht bewältigen kann, wird dort aufgelistet. Um eine Pflegestufe anerkannt zu bekommen muss man dabei einen bestimmten Zeitwert überschreiten.

Unterstützung von (fast) allen Seiten

Nach ungefähr einem Jahr wussten alle Menschen in meinem Umfeld über meine Situation zu Hause Bescheid. Ich wurde von meinen Lehrern gefördert und alle haben ein Auge auf mich geworfen. Die Schule hatte Verständnis, wenn ich mal zu spät kam. Einige Lehrer haben mir nach der Schule nochmal Einzelnachhilfe gegeben, da sie wussten, dass ich Zuhause keine Zeit habe zu lernen.

Von meinem Vater konnte ich mir keine Unterstützung wünschen. Er lebt nicht mehr bei uns, obwohl meine Eltern noch verheiratet sind. Die wichtigsten Personen, die mir und meiner Mutter helfen, sind meine Oma und – bis zu seinem Tod – auch mein Opa. Egal, was war: Sie haben immer geholfen. Jeder, der von unserer Situation wusste in unserem Umfeld, versuchte zu helfen. Ich durfte mir immer wieder den Satz anhören: „Das was du machst, kann nicht jeder und ich bin stolz auf dich.“

Durch diese ganze Situation zu Hause kam meine Kindheit natürlich etwas zu kurz und ich habe sehr oft zurückstecken müssen. Ich habe immer versucht für meine Mutti da zu sein. Ich hatte lange Zeit nur einen sehr kleinen Freundeskreis, da ich kaum etwas unternommen habe. Ja, ich kann sagen einen pflegebedürftigen Menschen in der Familie zu haben ist nicht ganz einfach.

Vom privaten Engagement zum Berufswunsch


Maximilian hilft seine Mutti seit vielen Jahren – und nun auch anderen Menschen. Foto: Maximilian Hofer

Seit Oktober 2013 mache ich eine Ausbildung zum Altenpfleger bei einem ambulanten Pflegedienst bei mir in der Nähe. Dadurch, dass ich die Pflegedienstleiterin persönlich und privat kenne, haben wir dort Unterstützung bekommen in dem Bereich Hauswirtschaft. Diese Unterstützung ist sehr wichtig für uns, da ich selbst jeden Tag meine Vollzeit-Ausbildung mache und sehr oft und lange, wegen der Arbeit oder der Berufsschule unterwegs bin.

Ich habe diesen Beruf natürlich wegen meiner Mutter gewählt, aber auch weil ich einen Beruf ausüben möchte, bei dem ich Menschen helfen und mit ihnen in Kontakt treten kann. Meine Aufgaben als Altenpfleger umfassen die Grundpflege, aber auch Behandlungspflege (z.B. Injektionen geben), die Betreuung von Demenzkranken, Unterstützung bei Arztbesuchen, Prophylaktische Maßnahmen, Wundversorgung und vieles mehr. Mein Beruf ist also abwechslungsreich. Als Bürokaufmann könnte ich beispielsweise nicht arbeiten, weil mir der Beruf ganz einfach zu langweilig wäre. Ich brauche die Aktivität, die Freude durch andere, den Kontakt zu anderen und ich möchte Menschen helfen – auch auf ihren letzten Weg. Ich behandele die Menschen auf meiner Arbeit dabei genauso, wie ein Familienmitglied. Ich habe einfach gemerkt, dass man so am besten mit den Menschen kommunizieren und umgehen kann.

Pflege von Angehörigen ist keine leichte Sache und ist für die Betroffenen nicht leicht zu bewältigen. Und darum kann ich zu jedem, der so eine Situation durchmacht nur sagen: Hut ab!

Kommentare

Schön zu sehen, dass Jugendliche meines Alters so sehr in ihrem Beuf aufgehen, den sie selbst als eine Art Berufung ansehen! Die Pflege ist ein viel wenig geschätzter Bereich, doch einer der wenigen mit Zukunftsgarantie. Die Menschen, die sich um andere kümmern, haben mehr verdient – das gilt für Wertschätung, leider auch finanziell!

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