Kindergarten, Zeitgeist, Schnitzel – deutsche Worte, die auch in den USA geläufig sind. Ein kläglicher Rest, wenn man der Legende glaubt, dass Deutsch dort sogar fast Landessprache geworden wäre. Aber stimmt das auch? Eine Überprüfung von Schekker-Autorin Nicole.
Neulich sprach der Vater meines Freundes ein aus dem Englischen stammendes Wort falsch aus. Als er darauf hingewiesen wurde, regte er sich über den Anteil an Anglizismen in der deutschen Sprache auf. Deutsch als Amtssprache in den USA? Das würde bestimmt wohl nicht nur ihm gut gefallen – ein Grund, warum sich diese Geschichte so hartnäckig hält. Ist an der sogenannten Mühlenberg-Legende wirklich was dran?
Ursprünge der Mühlenberg-Legende
Die USA waren und sind ein Einwandererland und Deutsche machten schon immer einen großen Anteil der Bevölkerung aus. 1.094.000 Menschen geben heute noch Deutsch heute als ihre Muttersprache an. Damit liegt sie an siebter Stelle der meistgesprochenen Sprachen in den USA. Schon unter den ersten Siedlern waren viele Deutsche gewesen. Auch deren Nachkommen pflegten ihre Traditionen und Sprache.
Blick auf das Kapitol in Washington, das heute den Senat und das Repräsentantenhaus der USA beherbergt. Foto: Stefan Steinacker / www.jugendfotos.de
Man erzählt sich, dass am 9. Januar 1794 eine Gruppe deutscher Einwanderer aus Virginia eine Petition beim US-Repräsentantenhaus einreichte, wonach bestimmte Verordnungen ins Deutsche übersetzt und auch veröffentlicht werden sollten. Dies sollte den Einwanderern, die noch kein Englisch sprachen, helfen, sich schneller mit den Gesetzen in der neuen Heimat zurechtzufinden.
Diese Petition wurde an den Hauptausschuss des Repräsentantenhauses verwiesen, der sie mit einer Stimme Mehrheit ablehnte. Zum Namensgeber dieser „Mühlenberg-Legende“ wurde der deutschstämmige, zweisprachige Sprecher des Repräsentantenhauses, Frederick Augustus Conrad Mühlenberg. Er hatte sich selbst bei der Abstimmung enthalten und soll sich hinterher folgendermaßen geäußert haben: „Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser ist es.“ Dieser Gedanke ist hinsichtlich der Integrationsdebatte in Deutschland merkwürdig aktuell.
Verbreitung der Mühlenberg-Legende
Seit 1840 wurde die Mühlenberg-Legende von vielen Menschen, insbesondere Autoren, Lehrern und der Presse, immer weiter verbreitet. Der Grund dafür lag wohl in der Enttäuschung, dass die deutsche Sprache es trotz des Zustroms von Einwanderern nicht geschafft hatte, Alltagssprache zu werden – nicht einmal in Pennsylvania, wo der Anteil der deutschstämmigen Amerikaner immerhin bei einem Drittel lag.
Unter den Amischen sprechen viele noch altes Hochdeutsch oder das sogenannte Pennsylvania Deutsch. Foto: mcciva1 / www.flickr.com unter cc-Lizenz
Während des Unabhängigkeitskrieges und des Britisch-Amerikanischen Krieges von 1812 war der Gesamtanteil von Deutschstämmigen an der amerikanischen Bevölkerung auf neun Prozent geschrumpft. In den 1930er Jahren bekam der Mythos noch einmal neuen Aufwind, als die Leute, denen die Legende wohl am meisten gefallen haben dürfte – die Nationalsozialisten – ihn zu Propagandazwecken missbrauchten.
Entzauberung des Mythos
Bereits 1976 wurde die Mühlenberg-Legende in einem Artikel auch als solche entlarvt und 1990 wies der Autor Dennis Baron dies in einem Buch über Sprachpolitik in den USA noch einmal nach. Doch wie sieht es heutzutage mit der deutschen Sprache in den USA aus? Nur wenige Glaubensgemeinschaften wie z.B. die Amischen greifen im täglichen Leben darauf zurück. Immerhin haben viele deutsche Wörter Eingang in den Sprachschatz der US-Amerikaner gefunden, so beispielsweise „bratwurst“, „fahrvergnuegen“ oder „muesli“. Ein kleiner Trost für Leute wie den Vater meines Freundes.


