Mann klettert auf Panzer, daneben andere Männer, die ihm zusehen
Bei den Protesten am 17. Juni 1953 ging es “bald nicht mehr nur um wirtschaftliche Forderungen, sondern um die Freiheit der DDR-Bürgerinnen und Bürger”. Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Die DDR war noch keine fünf Jahre alt, als Massenproteste den jungen Staat erschütterten. Der 17. Juni 1953 ging als „Arbeiteraufstand“ in die Geschichte ein, war aber sehr viel mehr. Schekker-Autor Leonard hat mit Professor Daniel Koerfer von der Freien Universität Berlin über die Ereignisse vor 60 Jahren gesprochen.

Schekker: Wie würden Sie das politische und wirtschaftliche System der DDR beschreiben?

Prof. Daniel Koerfer: Die DDR war zu diesem Zeitpunkt bereits eine ausgeformte Diktatur nach stalinistischem Muster. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) regierte allein und unabhängig von den bedeutungslosen Blockparteien, die den Schein der Demokratie wahren sollten. Die SED selbst unterlag den Weisungen aus dem Kreml und den Befehlen der Sowjetischen Führungsspitze in der DDR. Ökonomisch finden wir in der DDR eine Planwirtschaft vor, also eine Wirtschaftsordnung, in der die gesamte Volkswirtschaft zentral und planmäßig gesteuert wird – von der Produktion über die Verteilung der Güter bis zur Preisbildung.

Wie war die Situation der Menschen in der DDR?

Es war eine Situation der enttäuschten Hoffnungen. Der sowjetische Diktator Stalin war am 5. März gestorben, und die Menschen in der DDR erwarteten eine Lockerung der Herrschaft und der Arbeitsbedingungen. Die 1952 erhöhten Arbeitsnormen blieben jedoch zunächst bestehen und die SED nahm sie erst auf Befehl der KPdSU am 3. Juni zurück. Mit einem „Neuen Kurs“ wollten ZK und Politbüro der SED – hier und nicht im Ministerrat der DDR fielen die Entscheidungen – Zugeständnisse an die Privatwirtschaft machen und stellte eine gemäßigtere Politik gegenüber politischen Häftlingen, den Bauern und der Kirche in Aussicht – allerdings zu spät.

Wie wurde der Aufstand ausgelöst?


Koerfer: “Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, man schätzt anderthalb Millionen, schlossen sich den Arbeitern an.” Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Seit dem 13. Juni hatte es bereits vereinzelte Streiks gegeben. Die ganze Spannung entlud sich dann auf der Berliner Stalinallee: Ausgerechnet auf dem Vorzeigeprojekt der SED-Regierung beschlossen die Arbeiter zum Haus der Ministerien zu ziehen. Dort ging es schon bald nicht mehr nur um wirtschaftliche Forderungen, sondern um die Freiheit der DDR-Bürgerinnen und Bürger und auch um die deutsche Wiedervereinigung. Das bedrohte die SED-Herrschaft ganz konket und unmittelbar in einer Art und Weise, die bis dahin völlig unbekannt gewesen war. Wenn dem Volk die Produktionsmittel gehören, ist jeder Streik absurd – das war ja die Lehre der SED. Man kann sich schlecht selbst bestreiken… Aber das sahen die Massen offenbar anders.

Wie lief der Aufstand dann ab?

Er weitete sich überraschend schnell über das gesamte Gebiet der DDR aus. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, man schätzt anderthalb Millionen, schlossen sich den Arbeitern an und organisierten sich in 560 Orten auf unterschiedliche Weise. Etwa 600 Betriebe streikten, mancherorts stürmte man Gefängnisse, befreite Gefangene und vertrieb sogar die kommunalen Regierungen. Eine bedeutende Rolle spielte auch der Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS), den man in der DDR viel hörte und der zur „Buschtrommel“ des Aufstands wurde. Am 17. Juni hielten sich die Amerikaner allerdings audffallend zurück, stoppten die deutschen Redakteure und riefen nicht zum Umsturz auf, um das Verhältnis zur Sowjetunion nicht zu stark zu belasten.

Was führte zur Niederschlagung?


Laut gelenkter DDR-Presse dankten die Bürger den Sowjetsoldaten für ihren Einsatz gegen die “faschistische Provokation”. Foto: Bundesarchiv

Die SED-Spitze um Walter Ulbricht und Otto Grotewohl hatte sich bereits versteckt und den Sturz ihrer Regierung erwartet, da nahm die Sowjetische Militäradministration das Heft in die Hand. Nun rollten die Panzer nicht nur zum Brandenburger Tor. Die sowjetische Regierung verhängte den Ausnahmezustand und 500.000 Soldaten der Roten Armee führten die größte Militäraktion der deutschen Nachkriegsgeschichte durch. In Berlin flüchteten Demonstranten in die westlichen Sektoren, es gab ja noch keine Mauer. Sie wurden hin- und hergetrieben wie Vieh. Das Peitschen der Schüsse am Potsdamer Platz übertragen Rundfunkreporter “live”. Letztendlich forderte der Aufstand 156 Tote in der gesamten DDR.

Was waren die Folgen des 17. Juni?

Zunächst war Walter Ulbricht, der eigentlich auf der politischen Abschussliste der KPdSU stand, plötzlich nicht mehr austauschbar. Stattdessen wurden SED-Funktionäre, die sich um Reformen bemüht hatten, aus ihren Ämtern entfernt. Dennoch führte man den neuen, milderen Kurs fort. Mittelbar erhöhte sich der Druck trotzdem, denn es begann der Ausbau des Ministeriums für Staatssicherheit, dessen Ermittler nach und nach die gesamte DDR-Bevölkerung überwachen sollten. Die Abstimmung mit den Füßen Richtung Westen nahm zu. Erst der Mauerbau stoppte dieses “Ausbluten” dann auf brutale Weise.

Wie schätzen Sie die Bedeutung des 17. Juni ein?

Dieser Tag wurde zweifellos zum Kerntrauma der DDR. Er war die Vorform, die “Mutter” der Bürgerbewegung von 1989, in der die Protestierenden ihre Lehren aus dem blutigen Volksaufstand zogen. Denn sie forderten von ihren Teilnehmenden absolute Gewaltfreiheit – und das mit Erfolg.

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haha, Leo 😀

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