In Kooperation mit der Jewish Agency und der Regierung Israels gibt es für Jugendliche mit jüdischen Wurzeln die Möglichkeit, kostenlos für zehn Tage nach Israel zu reisen. Es geht bei der Reise nicht um Religion, sondern darum, das Land kennenzulernen. Ein Land, aus dem auch ich irgendwie komme. Worauf also warten?
Die Teilnahmekriterien erfüllte ich und die geforderten Dokumente zu besorgen, hat zwar Zeit in Anspruch gnommen, war aber auch irgendwann erledigt. Also schnappte ich mir die größte Flasche Sonnencreme, die ich finden konnte, und flog mit einer Gruppe von circa 20 anderen Jugendlichen, die wie ich jüdische Wurzeln haben, nach Tel Aviv.
Geschichtsträchtiges Land und allgegenwärtiger Krieg
Reise nach Jerusalem? Foto: Polina Boyko
Aus dem Flugzeug ausgestiegen, schlug mir eine mörderische Hitze entgegen. Schwitzend und voller Neugier gingen wir auf dem Markt in Tel Aviv shoppen, standen in Jerusalem an der Klagemauer, waren sprachlos in der Holocaust-Gedenkstätte “Jad Washem”, ritten auf Kamelen und Eseln, wanderten zu einem Wasserfall, in die nächtliche Wüste und auf Berge, um die ersten Sonnenstrahlen einzufangen. Und überall begegneten uns jahrtausendealte Geschichten von Pharaonen und Cleopatra, von Tempeln und Eroberungen – und von Krieg. Denn Krieg ist unzertrennlich mit Israel verbunden. Das sehen wir, wenn wir Geschichtsbücher aufschlagen und das sehen wir leider auch heute, sobald wir den Fernseher einschalten oder zur Tageszeitung greifen.
Bei meinem Besuch flogen zwar keine Raketen oder Bomben, dennoch war Krieg und der Konflikt mit den Palästinensern allgegenwärtig. So erinnert beispielsweise ein Denkmal auf dem Campus der Universität Jerusalem an Studenten, die durch einen Raketenangriffe der Hamas 2008 ermordet wurden. Die Präsenz des Krieges übermannte mich. Während israelische Studenten ausgelassen plaudernd im Unicafé saßen und die Sonne genossen, fragte ich mich, ob das Abgestumpftheit oder Stärke ist.
Geburtsstunde Israels als Auslöser des Konflikts
Wie wir alle aus den Nachrichten wissen, ist der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel in den letzten Monaten neu entbrannt. Doch wie begann der Nahost-Konflikt eigentlich? Er begann mit der Staatsgründung Israels. 1948 verlas der damalige Präsident David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel. Dies tat er in einem Bunker. Wieso? Weil kurz danach Ägypten, Transjordanien, Syrien, Libanon und der Irak dem israelischen Staat den Krieg erklärten.
Was folgte, war der israelische Unabhängigkeitskrieg, der erste – und leider bei weitem nicht der letzte – arabisch-israelische Krieg. Besonders still wurde es in unserer Gruppe, als wir ein Denkmal besuchten, das den Juden gewidmet ist, die den Holocaust überlebt haben und dann im Unabhängigkeitskrieg gefallen sind. Diese geballte Ladung an Unglück, Schmerz und Unmenschlichkeit traf uns alle tief.
Das Militär ist allgegenwärtig
Krieg ist notgedrungen ein wichtiger Aspekt für die Menschen, die in Israel leben. Jeder muss zum Militär: Die Männer für drei, die Frauen für zwei Jahre. Die Präsenz des Militärs im Alltag war für mich und meine Mitreisenden vollkommen unbegreiflich und zu einem gewissen Teil auch schockierend. So sind Soldaten im Museum oder beim Mittagessen unter Palmen sitzend ein durchaus übliches Bild. Die Gewehre blieben im Museum zwar vor der Tür, bei ihrem Anblick, wie sie ordentlich in Reih und Glied abgelegt sind, lief es mir trotzdem eiskalt den Rücken runter. Die dauerhafte Präsenz des Militärs führt nämlich nicht automatisch zu einem Gefühl von Sicherheit. Stattdessen machte mir dieser Umstand permanent bewusst, dass es sich um ein Land handelt, das ständig angegriffen werden könnte.
Auf dem Soldatenfriedhof
Ordnung muss sein. Foto: Polina Boyko
Auch wenn unsere ersten Reaktionen Abwehr und Verständnislosigkeit waren, so wurde unserer kleinen Reisegruppe einiges zumindest ein wenig verständlicher, als wir die Gelegenheit bekamen, mit jungen Soldaten und Soldatinnen zu sprechen. Gemeisnam besuchten wir den Nationalfriedhof für Polizisten und Soldaten in Jerusalem. Dieser Friedhof liegt am Herzlberg, auf dem Theodor Herzl, der Begründer des modernen politischen Zionismus, begraben liegt.
Hier ruhen auch Freunde von den Soldaten und Soldatinnen, die wir begleitet haben. „Für die, die noch kommen“, erklärte uns unser Tourguide tief in Gedanken versunken, „werden noch Plätze freigehalten“. Die Soldaten selbst fragten uns, was sie denn tun sollen, wenn ihre Freunde und Familien jeden Tag angegriffen und getötet werden könnten? Nichts? Unvorbereitet und tatenlos zusehen? Natürlich ist dies recht einfach gedacht und sicherlich nicht alle Aspekte des Nahost-Konflikts sind damit angesprochen. Aber ich kann ihre Position dennoch irgendwie verstehen, wenn sie vor dem Grab eines Freundes niederknien, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Lebensfreude
Es wirkt so friedlich… Foto: Polina Boyko
Neben der atemberaubenden Natur haben auch die Städte Israels viel zu bieten. „Haifa ist die Stadt zum Arbeiten. Tel Aviv die Stadt zum Leben und Jerusalem ist die Stadt zum Beten”, fasste es unser Tourguide zusammen. Auf den Märkten gibt es farbenfrohe Gewänder, köstliches Obst und eine unfassbare Auswahl an Trockenfrüchten, Nüssen, Bohnen, Samen und was man sich sonst so wünschen kann. Nachts haben die Bar- und Kneipen-Viertel geöffnet. Die Kellner werben mit Freigetränken um Kundschaft und die jungen Israelis sprechen fast alle gutes Englisch, sodass der Kommunikation nichts im Wege steht. Es ist inspirierend, wie viel Lebensfreude diese Menschen ausstrahlen. In diesen ausgelassenen Abendstunden ist der Krieg weit weg. Wenn man sich hier aufhält, vergisst man einen Augenblick lang, dass man sich in einem Land aufhält, dem jeden Moment ein neuer Raketenangriff droht.
Für mich war der Besuch in Israel eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Ich bin weder gläubiger noch unkritischer geworden, sondern habe ein faszinierendes Land kennenlernen können, dem ich langanhaltenden Frieden wünsche. Ein zweiter Besuch meinerseits ist in jedem Fall schon geplant. Sobald wie möglich, will ich diesen Plan umsetzen, denn was bleibt, ist die Hoffnung darauf, dass sich auch für den aktuellen Konflikt bald eine Lösung findet. Und die noch viel größere Hoffnung, dass Israel und seinen Nachbarn irgendwann ein dauerhafter Frieden bevorsteht.



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