
Dass ich während des Studiums ins Ausland will, war mir schon klar, bevor ich überhaupt angefangen hatte zu studieren. Doch wohin? In Südeuropa ist es zwar schön, aber da war ich schon recht oft. Die osteuropäischen Länder interessierten mich ebenfalls. Aber nichts übte auf mich eine solche Faszination aus wie der Norden. Es schien als wäre „da oben“ die Welt noch in Ordnung. Denn wann hört man schon mal schlechte Nachrichten aus Dänemark, Schweden, Finnland oder Norwegen? Über meine Uni kam ich ziemlich leicht an einen Platz an der Åbo Akademi in Turku, Finnland. Nach einigem organisatorischem Hin und Her war irgendwann alles unter Dach und Fach: Die Uni, die Wohnung, der Flug.
Åbo war mal die Hauptstadt Finnlands. Foto: Polina Boyko
Åbo oder Turku – warum hat die Stadt zwei Namen?
Doch etwas begann mich zu irritieren: Auf den Briefen, die ich von meiner Gastuniversität bekam, stand als Ort immer nur Åbo drauf. Aber hieß das da nicht Turku? Schon nach einer kurzen Recherche fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Finnland ist bilingual. Wer von euch hätte das gewusst?
In Turku ist also alles zweisprachig – Schwedisch und Finnisch: Die Straßennahmen, die Produktbeschreibungen auf Verpackungen, die Internetseiten. Das war für mich eher ein Glück, da das Schwedische dem Deutschen ziemlich ähnelt, während das Finnische ‒ nun ja ‒ die wohl aberwitzigste Sprache ist, die mir je untergekommen ist. Während man sich als Deutscher vom Schwedischen vieles herleiten kann, sieht Finnisch auf den ersten Blick wie eine Ansammlung zufällig zusammengewürfelter Buchstaben aus. Die meiste Kommunikation während meines Aufenthaltes in Finnland fand aber sowieso auf Englisch statt. Trotzdem war ich neugierig auf beide Sprachen, da ich auch keine von beiden vor dem Aufenthalt kannte. Während ich durch einen Schwedisch-Sprachkurs einiges lernen konnte und langsam gesprochenes Schwedisch sehr gut verstehen kann, brachte der Finnisch-Kurs leider nicht so viel: Auf Finnisch kann ich mich gerade ein mal vorstellen.
Die schwedischsprachige Minderheit in Finnland lebt vor allem an der südlichen Küste des Landes und in Form von sogenannten Sprachinseln im Land verteilt. Über mein Studium an der letzten schwedischsprachigen Universität des Landes konnte ich die Probleme und Komplikationen, die in einem bilingualen Land entstehen können, aus erster Hand kennenlernen. Denn Probleme gibt es leider viele. Dabei muss man wissen, dass Finnlandschwedisch sich von dem in Schweden gesprochenen Schwedisch erheblich unterscheidet, sowohl in Aussprache als auch im Vokabular.
Das ist nicht das Auenland, sondern die Insel Suomenlinna bei Helsinki. Foto: Polina Boyko
Die Finnlandschweden sind eine Minderheit und müssen sich nicht nur im Alltag behaupten, sondern auch dafür sorgen, dass ihre Sprache und Kultur nicht verloren geht. Um diese Kulturprodukte, wie beispielsweise Finnlandschwedische Literatur bewahren zu können, wird die Finnlandschwedische Kultur durch finanzstarke Fonds bezuschusst, was bei den Finnen wiederum ein Gefühl von ungerechter Behandlung aufkommen lässt.
No Nonsense
Während meines Aufenthalts durfte ich erfahren, dass die Finnen eher zurückhaltende Menschen sind, die aber, sobald man einmal die harte Schale durchdrungen hat, zu loyalen und herzlichen Freunden werden. Diese ruhige Natur der Finnen geht zurück auf Sisu. Noch nie gehört? Sisu ist eine Art Lebensphilosophie, die mit den Schlagworten „No Nonsense“ einhergeht: Finnen reden nicht viel. Vor allem reden sie nicht viel über Unbedeutendes und Nebensächliches. Für mich, die ich in Deutschland groß geworden bin, war diese kulturelle Eigenheit aber nicht sonderlich gewöhnungsbedürftig. Auch wenn die Deutschen etwas kommunikativer sind, so quatschen wir doch nicht einfach wildfremde Leute an. Vor allem meine ameriaknischen und südeuropäischen Kommilitonen mussten sich jedoch an die Schweigsamkeit der Finnen erst ein mal gewöhnen.
Andere Aspekte von Sisu sind eine gewisse Stärke, die nicht mit Härte zu verwechseln ist, Selbstständigkeit und der Wert von harter, ehrgeiziger Arbeit. Nebenbei gehen Finnen, wie man es vom Klischee kennt, mehrmals die Woche in die Sauna, die es in jedem Haushalt und selbst in Studentenwohnheimen gibt.
Einer der schönen Aspekte des Winters: zuckersüße Husky-Welpen! Foto: Polina Boyko
Winter is coming
Nach einem wunderschönen, warmen und sonnigen Herbst, der so gar nichts von der sagenumwobenen Kälte und Dunkelheit dieses Landes hatte, folgte jedoch der Winter. Der längste Winter meines Lebens.
Bei einem Besuch in Lappland, dem nördlichsten Teil Finnlands, der größtenteils über dem Polarkreis liegt, lernte ich diesen Winter erst richtig kennen. Bei Winterlandschaften, die mir mit ihrer Schönheit Tränen in die Augen trieben, war es um 14 Uhr schon vollkommen dunkel. Im Süden wurde es zwar nicht so früh dunkel aber einen Unterschied merkte ich doch. Insgesamt dauert der Winter bis etwa Mitte März. Doch selbst im März war die Sache nicht ganz ausgestanden, denn nach einigen frühlingshaften Wochen, fing es am ersten Mai wieder an zu schneien! In der finnischen Sprache gibt es für dieses alljährliche Phänomen der Wiederkehr der Winters ein eigenes Wort: takatalvi.
Eines Tages war aber auch der Winter endlich vorbei und umgeben von Eichhörnchen und Hasen konnte ich im Wald spazieren gehen und danach in einen der zahlreichen Seen hüpfen, um mich abzukühlen. Es wurde gegrillt, es wurde gelacht und das Gefühl, dass das Ende meines Aufenthaltes naht, saß mir immer kälter im Nacken. So ging mein großes Abenteuer mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu Ende. Ich habe die Erfahrung gemacht, in einem unbekannten Land zu leben und dabei nicht nur zurecht zu kommen, sondern auch tolle Menschen und Kulturen kennenzulernen. Außerdem habe ich mir selbst bewiesen, dass auch in mir ein kleines bisschen Sisu steckt.





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