
Mit dem Alter kommen die Schwierigkeiten: Der Weg zum Arzt kann zur Qual werden, insbesondere wenn man auf dem Land wohnt. Der Bürgerbus der Gemeinde Weyhe nahe Bremen soll helfen – und das tut er nicht nur für Senioren. Alle Anwohner können immer öfter das Auto stehen lassen und so die Umwelt und ihren Geldbeutel schonen.
Als der Bus am Bahnhof West in Kirchweyhe vorfährt, weiß ich, dass es der richtige sein muss: Für einen regulären Bus ist das Fahrzeug zu klein, für einen normalen PKW zu groß. Eilig suche ich meine Sachen zusammen, doch der Fahrer wartet geduldig, bis ich einsteige. Er begrüßt mich sehr freundlich, der Bus ist hell und gemütlich, ich fühle mich direkt wohl.
Weyhe ist ein Ort mit 30.000 Einwohnern, 15 Kilometer südlich von Bremen gelegen. Wahrzeichen der Stadt sind die Sudweyher Wassermühle, der Backsteinturm der Felicianuskirche und mittlerweile auch der Weyher Gemeindebus. Dieser ist ein Bus von Bürgern für Bürger, erklärt mir Bernd Klug, der Busfahrer. Wie die anderen rund 45 Fahrer auch ist er ehrenamtlich unterwegs. Um den Busbetrieb am Laufen zu halten, sind außerdem noch weitere Freiwillige nötig, die sich zum Beispiel um die Technik und Verwaltungsaufgaben kümmern.
Der Bus fährt stündlich die eigens für den Bürgerbus erarbeiteten Strecken ab und bietet Platz für acht Fahrgäste. „Dabei soll er das bestehende Angebot ergänzen und kein billiger Ersatz sein,“ betont Bernd.
Global denken, lokal handeln
Den Anstoß für den Bürgerbus gab die Agenda 21, ein Handlungsprogramm, das 1992 auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro beschlossen wurde. Ziel war es, die natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern. Unter dem Motto “Global denken, lokal handeln” waren auch die Gemeinden aufgerufen, Projekte anzustoßen, mit denen die Umwelt geschützt und erhalten werden kann.
.jpg)
Bernd Klug ist einer von 45 Ehrenamtlichen, welche die zwei Buslinien mit zwei Bussen abfahren. Foto: Clara Zink
Dieses Ziel ließ sich wunderbar mit dem Wunsch der Bürger von Weyhe kombinieren, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen. Die Idee für den Bürgerbus war geboren und 2001 trat dieser dann seine erste Fahrt an. Er ist in Stadtvierteln unterwegs, die nicht ans reguläre Busnetz angeschlossen sind. Weyhe steht – wie viele Gemeinden in ländlichen Gebieten – vor der Herausforderung, Infrastrukturen auch bei sinkendenden Bevölkerungszahlen aufrecht zu erhalten. Die Jungen wandern immer mehr ab und die Alten bleiben…
Insbesondere Senioren sollen mit dem Bürgerbus lange Fußstrecken und die Fahrten mit dem Fahrrad zum nächsten Supermarkt oder ins Stadtzentrum erspart werden. Bürger sollen aber auch dazu animiert werden, ihr Auto stehen zu lassen und stattdessen den gemeinschaftlich betriebenen Bus zu nutzen – was der Umwelt nützt und den Geldbeutel schont, auch den junger Familien.
“Hier wird niemand stehen gelassen!”
Wir fahren kreuz und quer durch schmale Seitenstraßen. Bernd kennt an jeder Ecke irgendwen, ständig winkt oder hupt er. Beim Aufbau der Strecke standen die Fragen nach dem größten Zuspruch und den beliebtesten Zielen der Bürger, die den Bus nutzen werden, im Vordergrund.
Das Prinzip funktioniert: Wurde der Bus zu Anfang von maximal fünf Bürgern pro Tag genutzt, so ist die Zahl der Fahrgäste in den vergangenen elf Jahren auf bis zu 120 Fahrgäste am Tag gestiegen. Das stellte das Bürgerbusunternehmen vor ganz neue Probleme. Doch auch diese wurden durch die Kooperation mit einem Taxiunternehmen gelöst: Ist im Bus einmal kein Platz mehr, dürfen die “überschüssigen” Fahrgäste mit ihrem Busticket Taxi fahren. „Hier wird niemand stehen gelassen“, erklärt Bernd.
Wir sind nun beim Erichshof angekommen. Hier ist die Endstation der Fahrtstrecke, und Bernd hat fünf Minuten Pause. Der ältere Herr vertritt sich die Beine, grüßt die Leute, die vorbeikommen. Nach seinen vier Jahren als Fahrer des Bürgerbusses weiß Bernd mittlerweile genau, welcher seiner Stammfahrgäste wann einsteigt. Neben Supermärkten ist auch das Ärztehaus ist eine zentrale Haltestelle, so Bernd.
Auf Rundfahrt durch Weyhe

Unter den Fahrgästen sind viele ältere Menschen, denen der Bürgerbus beschwerliche Wege zum Supermarkt oder Arzt erspart. Foto: Wolfgang Schmidt
Die Einrichtung des Bürgerbusses wurde größtenteils vom Landkreis finanziert, die Betriebskosten werden durch die Gemeinde, aber auch durch andere Firmen und Organisationen gedeckt, die dann durch Werbung von ihrer Investition profitieren. Für eine Fahrt mit dem Bus zahlen die Fahrgäste den Tarif des regionalen Verkehrsverbundes.
Am Bahnhof in Kirchweyhe steigt eine ältere Dame ein. Lächelnd sagt sie: „Heute fahre ich mal anders, ich mache bloß eine Spazierfahrt.“ Interessiert frage ich nach: „Sie fahren nur zum Spaß?“ „Ich hab‘ ja die Jahreskarte“, erwidert sie. „Ich komme gerade vom Kegeln und habe nichts vor.“ Später erklärt mir Bernd: „Die Dame macht oft eine Rundfahrt mit. Ich war zu Anfang überrascht darüber – dann habe ich gemerkt, dass das hier viele Menschen tun.“
Der Spaß ist das Gehalt
Die Gäste fahren also nicht nur aus praktischen Gründen mit, sondern auch, weil es ihnen Freude bereitet. Und Bernd? Weshalb hat er sich vor vier Jahren als Fahrer beworben? „Die meisten Fahrer, die sich hier bewerben, sind noch rüstige Rentner“, sagt er. „Das Fahren bringt uns Spaß, mehr nicht!“ In der Tat; für seine Arbeit erhält Bernd keinen Cent. Er ist gut gelaunt und sichtlich stolz darauf, ein Teil des Bürgerbus-Projektes zu sein.
Als ich aussteige, streckt er sich noch einmal kurz und wirft einen Blick auf die Uhr: „Wir sind nicht immer ganz pünktlich. Aber ich glaube, das macht den Gästen hier nicht ganz so viel aus.“ Ich blicke mich noch einmal um, betrachte die letzten müden Fahrgäste im Bus und bin überzeugt: Hier hat niemand das Bedürfnis, sich zu beschweren.





Neuen Kommentar schreiben