Grafik: Juliane Dorn

Für viele junge Leute ist das Leben in einer WG ein guter Start in die Unabhängigkeit. Doch manchmal birgt die Wohngemeinschaft auch die eine oder andere Schattenseite. Schekker-Autorin Anna wohnt allein und schätzt ihre Privatsphäre. Leonie hingegen genießt das Zusammenleben in ihrer WG.

Pro: Leonie

Alleine wohnen? Das kommt für mich überhaupt nicht in Frage, denn es gibt nichts Besseres als das Leben in einer WG. Ich lebe in Marburg in einer Sechser-WG. Wir sind vier Männer und zwei Frauen und es läuft einfach fantastisch. Wir teilen uns Bäder, Küche, Flur und alle Grundnahrungsmittel. Wenn nicht gerade Semesterferien sind, ist in unserer WG fast immer jemand daheim. Abends sitze ich gemütlich mit meinem Mitbewohner in der Küche bei einer Partie Schach. Vor uns eine Flasche Rotwein… Und obwohl fast Mitternacht ist, entscheiden wir uns noch für einen kleinen Spaziergang… Punkt eins der großartigen Vorteile von Mitbewohnern: Spontane Aktivitäten!

Punkt zwei: Es herrscht niemals Langweile! Oft kochen wir zusammen, haben gemütliche Wein-Abende, unternehmen Ausflüge in den Wald oder spielen – manchmal stundenlang – Schach. Alles spontan, nichts verpflichtend! Wenn ich in einer eigenen Wohnung leben würde, hätte ich niemals so viel Spaß. Natürlich kommt dann noch die ein oder andere Party hinzu. Und – Punkt drei – man muss fast nie allein nach Hause laufen.

Seitdem ich hier wohne, brauche ich außerdem keine Angst haben, dass ich mal hungrig ins Bett gehe ‒ auch, wenn ich gerade vergessen habe, einzukaufen. In der Küche steht dann oft noch ein Topf mit Reis oder anderen Leckereien. „Nehmt, wer mag“, sagt ein Zettel daneben. Fantastisch!

Das Beste aber ist, dass trotz der vielen WG-internen Aktionen jeder sein eigenes Leben lebt, seine eigenen Freunde hat und einen anderen Studiengang belegt. Letzteres fördert sogar unser Allgemeinwissen. In Diskussionen bringt jeder Mitbewohner sein individuelles Wissen ein. Inzwischen haben wir sogar begonnen, uns gegenseitig Referate zur Übung vorzutragen. Unsere Eltern wären mehr als stolz! Wir fühlen uns einfach wohl und leben wie eine kleine, vielleicht etwas chaotische Familie zusammen! Diesen Luxus hat keiner, der allein wohnt!

Contra: Anna

Gemeinsam Kochen, abendliche Partys und ein netter Talk zum Frühstück ‒ so stellen sich viele das WG-Leben vor. Doch wer spült nach dem Essen, wer räumt wieder auf und wer hat da eigentlich schon wieder meine Salami aufgegessen? Das sind die Fragen, die ich mir eher stelle, wenn ich an eine Wohngemeinschaft denke.

In Deutschland leben derzeit 3,6 Millionen Menschen in WGs. Warum so viele? Klar, es ist ziemlich hip, mit anderen Leuten – am besten mit guten Freunden – zusammen zu wohnen. Da wird es schon nicht langweilig werden. Vor allem Vorabend-Soaps tragen ihren Teil dazu bei, dass viele junge Menschen Wohngemeinschaften erst einmal für cool halten. Die Serien zeigen den Zuschauern, wie schillernd bunt und aufregend das Wohnen in einer Gemeinschaft sein kann.

Es kann aber auch ganz schön nerven, ständig andere Menschen um sich zu haben. Vor allem wenn sie laute Musik hören oder den Putzplan nie einhalten. Klar ist man finanziell im Vorteil, wenn man zu dritt den Wasserkocher und den Toaster benutzt und nur einen Fernseher und eine Waschmaschine anschaffen muss. Ich habe mich trotzdem bewusst dafür entschieden, alleine zu wohnen. Das heißt nicht, dass ich einsam bin. Wenn mir nach Gesellschaft ist, rufe ich Freunde an und verabrede mich. In einer WG sind die Mitbewohner immer da ‒ auch wenn ich mal meine Ruhe haben möchte.

Scheinbar bin ich mit dieser Ansicht nicht alleine: Tatsächlich bildeten in Deutschland die Ein-Personen-Haushalte 2012 mit 41 Prozent den größten Anteil aller Wohnformen. Die Zwei-Personen-Haushalte folgten mit 35 Prozent. Nur 24 Prozent wohnten in Familien oder Wohn- gemeinschaften mit drei oder mehr Mitgliedern.

Ich musste keine willkürlichen WG-Castings durchlaufen und entscheide selbst, wie sauber meine Wohnung sein soll. Außerdem brauche ich mir keine Gedanken machen, wenn ich mal ohne Klamotten von der Dusche ins Schlafzimmer laufe. Klar haben WGs ihre Berechtigung. Schließlich brauchen die vielen WG-Psychologen ja auch Arbeit.