Ein Freiwilligendienst im Ausland. Zwischen Fernweh und Zweifel hat sich Schekker-Autor Alexander auf die Reise gemacht. Mit „kulturweit“ ist er an einer Schule in Peru im Deutschunterricht gelandet. Euch erzählt er Geschichten aus seinem lateinamerikanischen Abenteuer.
Greller Lärm empfängt mich, als ich die Tür zum Klassenzimmer öffne. Ich bin ein wenig spät dran. Der Unterricht hat schon angefangen. Ich will Klischees abbauen. Deutsche können auch mal unpünktlich sein, denke ich mir. Als Freiwilliger in Peru bin ich ja schließlich auch so etwas wie ein Botschafter für mein Land.
Ich setze mich in die letzte Reihe und beobachte die Szene vor mir. Carlos – der Deutschlehrer – paukt Steigerungen. Er hat dichte Augenbrauen. Seine dunklen Augen funkeln durch die Runde. „Der Hund läuft schnell“, sagt er, „das Pferd läuft schneller, aber der Gepard läuft am…“. Eine Energiewelle bebt durch das Klassenzimmer. Einige Schüler springen auf. Andere heben vor Aufregung zitternd ihre Hände in die Luft. Der Rest schweigt verlegen oder schreit mit im Chor: „Ich! Itsch! Ich!“ Schließlich nimmt Carlos einen Jungen dran, der besonders ausdrucksvoll um den Zuschlag tanzt. Der Geräuschpegel sinkt nicht, während der Junge: „…am schnellsten“ ruft. Die Jungs vom Colegio San Juan schnattern unentwegt weiter.
Carlos ruft mich nach vorne. „Ich möchte euch jemanden vorstellen“, sagt er. Dann setzt er sich auf seinen Lehrerstuhl und lässt mich alleine stehen. Die Klasse wird ruhig. Weit über 20 Augenpaare richten sich auf mich, einige neugierig, andere listig. Alles Jungs, denn ich bin an einer Jungenschule gelandet. Mittelstufe. Alle hoch pubertär. „Mein Name ist Alexander“, sage ich. „Ich bin 19 Jahre alt und komme aus Deutschland. Ich bin ein Freiwilliger. Ein Voluntario. Für die nächsten zwölf Monate werde ich euren Lehrer beim Deutschunterricht unterstützen.“ Meine Hand zeigt auf Carlos. Ich unterlege meine Worte mit Gesten, um sicherzugehen, dass auch der letzte Schüler meine Worte versteht.
Auf dem Globus unterwegs
Alexander hat sich getraut und ist mit “kulturweit” nach Peru gereist. Foto: Alexander Kauschanski
Dass ich mit „kulturweit“, dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes in Peru unterwegs bin, sage ich nicht. Zu kompliziert. Genauso wenig erwähne ich, dass ich fürs Goethe-Institut arbeite, dessen Hauptaufgabe es ist, die deutsche Sprache im Ausland zu fördern sowie auch die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Das Institut gibt es auf der ganzen Welt. Genau wie seine Partnerschulen, an denen der Deutschunterricht durch Freiwillige untersützt wird. Im Herbst 2013 schickte „kulturweit“ mehr als 200 Freiwillige, in die Welt hinaus. Und ich bin in Trujillo gelandet, einer Millionenstadt an der pazifischen Küste, umrahmt von Wüstenbergen, Surferwellen, Slums und archäologischen Stätten alter Hochkulturen. Bereit das Land zu entdecken, den Schülern zu helfen und mehr über mich selbst zu lernen. Kernideen eines Freiwilligenjahres im Ausland.
Zurück im Klassenzimmer stelle ich mich den Fragen der Schüler. „Was sind deine Hobbies?“, „Magst du Fußball?“, „Spielst du ein Musikinstrument?“, „Was ist dein peruanisches Lieblingsgericht?“ Als ich denke, dass den Schülern die Fragen ausgegangen sind, streckt sich eine Hand in die Luft. „Sprichst du denn auch Spanisch?“, fragt der Schüler. „Ja“, antworte ich, „ein bisschen. Aber nicht so gut. Ich nehme gerade Unterricht. Also bringe ich euch Deutsch bei und ihr helft mir mit meinem Spanisch.“ Dann spiele ich, wie mit Carlos abgesprochen, ein Spiel mit den Schülern.
Später gehe ich über den Schulhof, vorbei an den ausschließlich gelben Gebäuden und den Schülern, die auf dem Schulhof toben. Vor ein paar Monaten war ich selbst noch einer von ihnen. Dann kam das Abitur, das Vorbereitungsseminar, der 26 Stunden lange Flug und ich bin hier. An einer anderen Schule, als Lehrerassistent mit einer neugewonnen Autorität. Fühlt sich seltsam an, denke ich mir, während ich auf die Straße husche.
Kolonialbauten und Müll
Die Busse und Autos bewegen sich wie ein Insektenschwarm durch die Straßen. Foto: Alexander Kauschanski
Die Straßen sind voll. An jeder Ecke sind Essstände, die Taxis brummen über die Straße und hupen jeden an, der auch nur im Entferntesten der nächste Kunde sein könnte. Die Menschen laufen auf den brüchigen Gehwegen an mir vorbei. Manche schauen mich mit sichtlichem Interesse an. Andere ignorieren mich mit geschäftigen oder müden Augen. Ich winke einen Kleinbus heran und steige ein, quetsche mich in eine winzige Bank. Beobachte wie der „Schaffner“ die Leute in den Bus treibt und der Fahrer das Fahrzeug gekonnt schnell durch die Straßen manövriert. Die Verkehrsregeln, wie ich sie aus Deutschland kenne, scheinen hier ausgeschaltet zu sein. Und so bewegen sich die Fahrzeuge wie ein wilder Insektenschwarm über den Asphalt. Draußen, hinter dem Fenster, streifen die bunten Häuschen an mir vorbei. Die meisten sind nicht fertiggebaut, um keine Steuern auf das Gebäude zu zahlen, hat man mir erzählt.
Wir kommen an der Innenstadt vorbei, elegante Kolonialbauten, Kirchen im spanischen Stil. Ich sehe große Märkte, an den Ständen frisches Obst und Gemüse neben Hühnern, deren Körper, an einem Metallhaken aufgespießt, nach unten baumeln. An den Straßenecken liegt Müll. An einer kilometerlangen Mosaikwand steige ich aus. Ich stehe vor der Nationalen Universität von Trujillo.
Hier organisiere ich mit der anderen “kulturweit”-Freiwilligen in Trujillo ein Oktoberfest. Neben Theaterstücken zu Märchen und deutschen Liedern wird es traditionelles Essen geben. Mit den Sprach-Studenten, die mittlerweile auch zu unseren Freunden geworden sind, proben und lachen wir. Der Tag vergeht schnell. Ehe ich mich versehe wird es Abend. Ich verabschiede mich und steige in den ruckelnden Kleinbus. Morgen ist Samstag, da leiten wir unsere deutsche Theatergruppe. In meinem Notizblock notiere ich Ideen für Spiele.
Der Schlüssel ist die Sprache
Dann entspanne ich und betrachte das nächtliche Trujillo. Als ich vor einigen Monaten meine Zusage bekam, wusste ich nicht viel über Peru. Eigentlich habe ich nur mal den Namen des Landes gehört und natürlich Machu Picchu – die geheimnisvolle Stadt der Inka in den Bergen – auf Bildern gesehen. Aber genau das war der Reiz an meiner Entscheidung, so eine lange Reise anzutreten. Mich mit dem Unbekannten vertraut zu machen. Denn Peru ist viel mehr als das, was die Reiseführer versprechen. Für mich ist es ein Abenteuer, in dem ich vor allem immer wieder auch an meine eigenen Grenzen stoße.
Alexander hat sich in seiner Heimat auf Zeit schon gut eingelebt. Foto: Alexander Kauschanski
Als ich aussteige, muss ich an die Frage vom Jungen im Klassenzimmer nach meinem Spanisch zurückdenken. Die Sprache ist nicht umsonst der Schlüssel zu einer Kultur. Für mich ist es das erste Mal, dass ich an einem Ort zu lebe, ohne die Sprache zu sprechen. Als ich Deutschland verließ, war mein Spanisch sehr elementar. Irgendwann saß ich wie heute Abend meiner Gastfamilie gegenüber und versuchte zu sprechen. Deformierte Sätze, Bruchstücke, unkoordinierte Worte kamen mir über die Lippen. Mehr nicht. Das alles ließ mich äußerst frustriert zurück. Schnell habe ich gemerkt, dass ich diesen inneren Ärger in Motivation verwandeln kann, um Spanisch zu lernen. Und bis heute staune ich, wie viele Worte ich jeden Tag dazulerne.
Heute gibt es Ceviche, ein peruanisches Nationalgericht. Ich schaue auf den Teller und ekle mich im Stillen. Vor mir liegen rohe Fischstücke – in Limettensaft mariniert, serviert mit Mais und Kartoffeln. Als ehemaligem Vegetarier fällt mir das Verspeisen von Tierischem nicht leicht. Aber mir war bewusst, dass ich Kompromisse eingehen muss, wenn ich nach Peru gehen will. Ich schließe die Augen und beiße hinein. Meine Gastschwester kichert. Ich atme erleichtert auf. Es ist essbar. Ich schmecke eigentlich nur Zitronensäure.
Nach dem Essen, sitze ich in meinem Zimmer und lerne Spanischvokabeln. Meine Gedanken driften ab, mein Blick schweift nach draußen. Ich sehe spielende Kinder, auf der Bank ein Pärchen, eine Marienstatue, die unfertigen Backsteinhäuser, behängte Wäscheleinen auf den Dächern, streunende Katzen, einen fahrenden Verkäufer und einen Kolibri. Er sitzt auf dem Stromkabel, dann flattert er in meine Richtung, hält mit schnellen Flügelschlägen vor dem Fenster, als wolle er mich begrüßen, dann fliegt er weiter und lässt mich in meinem neuen Zuhause zurück.
Alexander bloggt regelmäßig über seine Reise: Schaut doch mal rein.


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