
Klaus sitzt in einer Vorlesung zur Einführung in die Evolution. Er hört dem Dozenten zu, während dieser über Fitnessindikatoren referiert. Vor ihm liegen weder Zettel noch Stift. Viel zum Mitschreiben gibt es für ihn nicht, denn er braucht am Ende keine Prüfung ablegen. Denn anders als die rund 300 Studierenden um ihn herum, hat Klaus das Berufsleben schon hinter sich.
In der Vorlesung sind Rentner Exoten
Seit drei Jahren ist er in Rente und seit zwei Semestern an der Universität Bremen als Seniorenstudent eingeschrieben. Eigentlich wollte Klaus damals nur mal gucken, wie das so ist. Inzwischen hat der ehemalige Filialleiter einer Bank bereits alle Seminare der Wirtschaftswissenschaften besucht. Aktuell widmet er sich dem Biologiestudium. Und er ist nicht allein: „Zwischen 1.000 Personen im Winter und mehr als 800 im Sommer schwankt die Zahl der Seniorenstudenten hier in Bremen“, erklärt mir Helmut Krause, Vertreter der Senioren an der Universität.
„In den Vorlesungen habe ich kaum Kontakt zu Studenten”, erklärt Klaus mit breitem norddeutschem Dialekt, „eigentlich schade.” Viele Senioren würden sich den Austausch mit Jüngeren wünschen, erklärt er mir. „Aber man ist ein Exot“, so der Rentner. Etwas anderes sind da die Seminare. „Dort wird mehr diskutiert, mehr mit Gruppen gemacht”, sagt er. Da gäbe es auch mehr Austausch mit den Regelstudenten. Dennoch hält er sich bei den Diskussionen eher zurück: „Die jungen Studenten haben Vorrang. Die brauchen die Noten und alles.”
Selbsternannte Zeitzeugen sprengen Seminare
Von ihren älteren Kommilitonen sind
junge Studenten oftmals genervt.
Foto: Ed Brambley, flickr.com, CC-
Lizenz (CC BY-SA 2.0)
Zwar haben die meisten jüngeren Studenten nichts gegen ihre älteren Kommilitonen, trotzdem rufen die Senioren mitunter Unmut hervor. Eine Studentin, die lieber nicht genannt werden möchte, macht ihrem Ärger Luft: „Die nehmen uns die Studienplätze weg. Die Seminare sind eh schon viel zu überfüllt. Die Betreuung ist auch nicht so super. Noch mehr Leute brauchen wir da nicht.” Ihr Sitznachbar stimmt ihr zu und berichtet über Senioren, die ganze Seminare gesprengt haben, in dem sie aus ihrem Leben erzählt haben. „Absolut nicht zielführend”, sagt er. Ist diese Kritik berechtigt?
Klaus erzählt mir ebenfalls von Selbstdarstellern, die die Seminare als Bühne nutzen. Aber auch unter den älteren Studenten selbst sind diese selbsternannten Zeitzeugen unbeliebt, verrät er mir. Außerdem sind die für Senioren geöffneten Seminare stark begrenzt. Nur vier bis fünf Veranstaltungen pro Studiengang sind für Seniorenstudenten zugänglich. Maximal fünf bis sieben Senioren dürfen das gleiche reguläre Seminar besuchen. Ansonsten gibt es ein Seminarprogramm eigens für Senioren, das von der Akademie für Weiterbildung herausgegeben wird.
SeniorCitzens engagieren sich für Austauschstudenten
Oft fehlt Senioren der Kontakt zu
anderen Studenten. Foto: crosseye
Marketing – Tourismus Marketing
Online, flickr.com, CC-Lizenz
(CC BY 2.0)
Solche Seniorenseminare versprechen eher wenig Austausch zwischen Alt und Jung, dabei bewirbt die Uni Bremen das Seniorenstudium mit dem gemeinsamen Lernen zwischen den Generationen. Um diese Lücke zu füllen, sind die Senioren selbst aktiv geworden. In Projekten wie zum Beispiel dem Freeshop und als SeniorCitizens stellen sie aktiv Kontakt zu den Regelstudierenden her. Beides sind Angebote, die sich vor allem an Austauschstudenten richten.
Elena ist Erasmusstudentin aus Italien. In zwei Koffern hat sie das Wichtigste für ein Jahr Deutschland mitgebracht, trotzdem fehlt noch so einiges: In der Küche gibt es kein Besteck und auch für die Bettdecke war einfach kein Platz mehr. Das Problem kennt auch Friedrich Wilckhaus, ein Mitglied der SeniorCitizens: „Die ausländischen Studierenden reisen an und kommen in Wohnheime, in denen nicht mal eine Decke ist. Da ist alles kahl.“ Das störte auch eine seiner Mitstudentinnen. Die Rentnerin hat früher einen Second Hand Shop geleitet. Da lag die Idee nahe, etwas Ähnliches für die Austauschstudenten zu organisieren. Im Freeshop können die neu Angereisten kostenlose Haushaltsgegenstände bekommen. Dafür sammeln die Senioren den ganzen Sommer über. „Beim letzten Mal war nach einer Dreiviertelstunde der Großteil schon weg“. Gemeinsam mit dem International Office, welches sich um Studenten in und aus dem Ausland kümmert, wird auch immer ein kleines Rahmenprogramm mit Musik und Snacks organisiert. Doch das ist noch nicht alles.
Gemeinsames Lernern außerhalb des Unialltags
Beim regelmäßigen Generationenfrühstück an der Uni entstehen ganz eigene Kontakte zwischen den so unterschiedlichen Studenten. Da ist zum Beispiel ein Musiker, der gerne Klavier spielen möchte, selbst aber keins hat. Beim Frühstück hat ihm einer der älteren Herren angeboten, doch auf dessen Klavier zu musizieren. Ein weiterer Senior Student – ein ehemaliger Geschichtslehrer – bietet Exkursionen zu historischen Orten in der Umgebung an. Oder die pensionierte Lehrerin, die eine Gruppe von Austauschstudenten jeden Samstag zu sich nach Hause einlädt, um ihnen Deutsch beizubringen.
Was im starren Unialltag nicht funktioniert, lebt also im Engagement der Senioren außerhalb des Hörsaals: Die Generationen kommen zusammen. Und wer weiß, vielleicht springt der Funke irgendwann auch in den Seminaren über…



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