Spanische Jugendliche Demonstrieren
In Spanien suchen viele junge Menschen händeringend nach Arbeit. Ein hochkarätiger Lebenslauf bringt sie dabei kaum weiter. Foto: Susanna Arus, flick.com, CC-Lizenz (CC BY 2.0)

Fast jeder zweite junge Spanier ist arbeitslos. Wenn man überhaupt einen Job findet, dann sind es befristete Stellen mit schlechten Gehältern oder einem liberal gehandhabtem Kündigungsschutz. Eine gute Option ist das Ausland. Aber nicht für alle. Schekker-Autorin Janice erzählt euch in ihrem Weitblick mehr.

Jeder zweite Laternenpfahl der spanischen Großstadt Alicante ist mit Zetteln vollgeklebt. Mit Plakaten, Flyern und Wohnungsannoncen. Aber vor allem mit Arbeitsanzeigen. Die sind allerdings nicht von Unternehmen, die Arbeit anbieten, sondern von Leuten, die Arbeit suchen. Denn wenn etwas in Spanien knapp ist, dann sind es Arbeitsplätze.

In Spanien herrscht eine Jugendarbeitslosenquote von 53,5%. Somit hat mehr als die Hälfte der jungen Spanier keine Arbeitsstelle. Die Universitäten hingegen sind gefüllt mit wissbegierigen jungen Leuten. Rund 1,5 Millionen Spanier gehen zurzeit zur Universität. Doch während ein Universitätsabschluss in Deutschland bedeutet, dass man eine höhere Chance auf einen guten Arbeitsplatz und ein besseres Gehalt hat, ist das in Spanien anders.

Ich selbst habe vier Monate in Alicante mein Auslandssemester verbracht. Hauptsächlich, um Auslandserfahrungen zu sammeln, die sich gut auf dem Lebenslauf machen, damit ich später vielleicht bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe. In einem spanischen Lebenslauf ist ein Auslandssemester nicht von großer Bedeutung. Genauso wenig wie andere Qualifikationen.

Einziger Ausweg: Ausland

Raquel Martínez Martinez hat einen Bachelor und zwei Master. Dadurch, dass sie weiter studiert, hat sie ihre Chancen auf eine Stelle fast noch verringert. Sie ist überqualifiziert. „Ich habe viele Bekannte, die in ihrem Lebenslauf Praktika und auch ganze Universitätsabschlüsse nicht aufzählen, weil sie wissen, dass sie überqualifiziert sind“, meint Martínez.


In Spanien suchen viele junge Menschen händeringend nach Arbeit – sogar mit Zetteln an Laternenpfählen. Foto: Janice Holtz, privat

Viele junge Spanier suchen Tag für Tag vergeblich nach einer Stelle. Ganz gleich, ob mit oder ohne Universitätsabschluss. Immer mehr orientieren sich darum ins Ausland. So auch Martínez. Nach ihrem Journalistikstudium hat sie viele Bewerbungen geschrieben. Doch es ist nicht einfach gewesen: „In Spanien habe ich nichts passendes gefunden oder nur Absagen bekommen, also habe ich mich auch in anderen Ländern umgesehen.

Obwohl die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre auch in Italien Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat, hat Martínez dort im Sommer 2013 ein bezahltes Praktikum gefunden. Trotzdem wollte die junge Spanierin wieder in ihre Heimat zurück. Gebracht hat ihr der Auslandsaufenthalt zumindest eins: persönliche Erfahrungen, neue Sprachkenntnisse und ein Praktikum mehr auf dem Lebenslauf.

„Ich habe über 85 Bewerbungen geschrieben“

Auf dem spanischen Arbeitsmarkt konnte sie davon allerdings zunächst nicht profitieren. Martínez hielt sich mit kleinen Übersetzungsjobs über Wasser. Einen wirklichen Job mit einer anständigen Bezahlung und festen Arbeitszeiten fand sie nicht.

„Es war zum Verzweifeln. Ich habe über 85 Bewerbungen geschrieben und immer hieß es, dass sie zurzeit keinen Platz für mich haben oder ich nicht in das Unternehmen passe“, erzählt die 26-jährige. Ein Unternehmen hat ihr sogar einen Arbeitsplatz angeboten. Doch der Haken: ohne Bezahlung.

Also schrieb sie sich noch für einen zweiten Master in Pädagogik in Alicante ein. Vor einem Jahr hat sie dann doch endlich eine Stelle gefunden. Nun arbeitet sie als Verantwortliche für Kommunikation und Social Media in dem Unternehmen „Digital Latam“: „Mir gefällt die Arbeit hier und ich hoffe, dass ich noch eine ganze Weile weiter arbeiten kann.“ Doch die Unsicherheit bleibt.

Rausschmiss aus dem eigenen Land


Maria Manzanero Navarro und Alberto Ortega Blanco sind top ausgebildet und bangen dennoch um ihre berufliche Zukunft. Foto: Janice Holtz, privat

So wie Martínez geht es vielen jungen Spaniern. Maria Manzanero Navarro und Alberto Ortega Blanco sind im letzten Semester ihres Public Relation Studiums. Wie es danach weitergehen soll, wissen sie noch nicht. „Ich würde gerne einen Master machen und gleichzeitig arbeiten“, sagt Manzanero, „aber wahrscheinlich wird es nur auf ein Studium hinauslaufen.“

Ortega weiß, dass ein paar seiner Kommilitonen nach dem Studium ins Ausland gehen, um zu arbeiten. Wenn es sein muss, würde der 21-jährige das auch für einige Zeit tun: „Es ist ja nicht so, dass ich gehen möchte, sondern dass ich muss, wenn ich hier nichts finde.“

So wie Ortega sehen viele Spanier den Umzug in ein anderes Land. Es ist keine Chance, sondern ein Rausschmiss. Die spanische Organisation „Jugend ohne Zukunft“ beschäftigt sich damit, die unsichere Situation der jungen Leute in den Bereichen Arbeit, Soziales und Bildung deutlich zu machen und Alternativen zu schaffen. Die Organisation schätzt, dass jede Woche einige tausend Spanier ins Ausland ziehen.

„Es wandern immer mehr Spanier mit einer guten Bildung ab, dabei wäre es intelligenter die qualifizierten Leute, die Spanien ausgebildet hat, zu halten“, meint Manzanero.

Keine Arbeitsplätze, keine Chance

Die beiden Public Relation Studenten sind sich einig, dass vor allem die Politik etwas gegen die hohe Arbeitslosigkeit tun muss. Aktuell finden die regionalen Parlamentswahlen in Spanien statt. Im Mai war auch Valencia dran, aber Manzanero und Ortega sind beide nicht zur Wahl gegangen. „Prinzipiell bin ich dafür zu wählen, weil man nur dann etwas verändern kann, aber ich will keine der Parteien wählen, die sich aufgestellt hat – ich hab das Vertrauen in die Politiker verloren“, sagt Ortega.

„Sie suchen jemandem mit Erfahrungen im Bereich Kommunikation? Da bin ich genau der Richtige.“ Bis sich etwas ändert, hängt auch Ortega eine Arbeitsannonce an einen Laternenpfahl.