Was kommt nach dem Jura-Studium? Öffentlicher Dienst? Gerichtsverhandlungen als Staatsanwalt oder Richter? Kirsten Bollin aus Hamburg führtedie Reise zum Deutschen Roten Kreuz (DRK). Dort kümmert sie sich um das Ressort für „Familienzusammenführung und Suche nach Spätaussiedlern“. Schekker-Autorin Anh klärt, was sich hinter dieser Jobbeschreibung verbirgt.
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, heißt es so schön in Goethes Faust. Viele Menschen, deren ethnische Wurzeln in Deutschland liegen, sich aber im Laufe der Geschichte in anderen Regionen angesiedelt haben, können davon ein Lied singen. Im 18. Jahrhundert herrschten im Deutschen Reich mit all seinen Fürstentümern prekäre Lebenssituationen für die breite Bevölkerung. Deshalb nahmen zehntausende Deutsche das Angebot von Zarin Katharina II. (Katharina die Große) an, sich in Russland anzusiedeln.
Neuanfang in der alten Heimat
Das “Grenzdurchgangslager” Friedland in Niedersachsen war nach Fall des Eisernen Vorhangs Anlaufstelle für Spätaussiedler. Foto: Bundesregierung/Schambeck
Noch während des Zweiten Weltkriegs gerieten diese ethnischen Deutschen zwischen die Fronten: Für die Deutschen galten sie als Sowjets, für Bewohner der Sowjetunion gehörten sie zu dem Volk, das 1941 ihr Land überfallen hatte. In der Folge wurden viele nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert und in sogenannten Sondersiedlungen untergebracht. Als „Verräter“ gebrandmarkt, wurden sie wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit nach Ende des Krieges benachteiligt und standen von Seiten der Behörden unter großem Druck, sich zu assimilieren und ihre kulturellen Wurzeln zu kappen.
Der Fall des Eisernen Vorhangs ermöglichte ihnen den Neuanfang in der alten Heimat. Allein im Jahr1990 reisten fast 400.000 Spätaussiedler und ihre Angehörigen – vor allem aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion – nach Deutschland ein. Dieser Ansturm musste organisatorisch bewältigt werden.
Hilfe zur Selbsthilfe
Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hilft seit 1945 Menschen bei der weltweiten Suche nach Angehörigen und berät in allen Fragen der Familienzusammenführung. Er forscht unter anderem nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs, nach voneinander durch Aussiedlung nach Deutschland getrennten Personen und führt Familien von Deutschen und deren Angehörigen aus den Aussiedlungsgebieten sowie von in Deutschland lebenden Flüchtlingen und deren Familien zusammen.
Kirsten Bollin ist Leiterin der Abteilung „Familienzusammenführung und Suche nach Spätaussiedlern“ beim Suchdienst des DRK. Sie kümmert sich darum, Aussiedlerfamilien zusammenzuführen und die ihnen zustehende Anerkennung zu verschaffen. Entscheidend ist dabei das „Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge“, kurz: das Bundesvertriebenengesetz. Es regelt, wer unter welchen Voraussetzungen nach Deutschland übersiedeln darf. In einzelnen Fällen gehört es dann zum Job von Bollin, den Status der Antragsteller zu überprüfen.
„Manchmal ist es auch einfach Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Bollin. „Oft reicht auch schon eine Auskunft, dass ihnen eine andere Institution viel besser weiterhelfen kann als wir.“ In anderen Fällen leisten Kirsten Bollin und ihre Kollegen aber auch ganz praktische Hilfe; So organisierten sie beispielsweise einmal die Überführung eines nur eingeschränkt transportfähigen kleinen Mädchens per Krankentransport nach Deutschland. „Für so große Institutionen wie das Deutsche Rote Kreuz ist es natürlich einfacher, mit einer Airline zu kommunizieren und den organisatorischen Aufwand zu erledigen, als für Privatpersonen“, erläutert Kirsten Bollin. „Bis heute berichten uns die Eltern dankbar über jeden Teilerfolg der Entwicklung ihrer Tochter. Das macht dann schon Spaß“, freut sie sich.
Der Herkunft auf der Spur
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs suchten viele Familien, die der Krieg auseinander gerissen hatte, Familienangehörige. Das war die Geburtsstunde des DRK-Suchdienstes. Foto: Bundesregierung/Hundertmark
Die Abteilung „Familienzusammenführung und Suche nach Spätaussiedlern“, die ihren Sitz in Hamburg hat, kann bei ihrer Arbeit auf jahrelange Aktenführung zurückgreifen, um beispielsweise Verbindungen zu bereits bearbeiteten Fällen herzustellen. Kirsten Bollin hat darüber hinaus Zugang zuden Daten des ehemaligen „Berlin Document Center“. Das ist eine Sammlung von Dokumenten aus der NS-Zeit, die von der US-Armee nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt wurden. Diese Bestände befinden sich mittlerweile im Bundesarchiv. Sie können helfen, Herkunft und Genealogien von Familien zurückzuverfolgen sowie deren deutsche Staatsbürgerschaft aufzuspüren. Somit ist es möglich, die Einreise als Spätaussiedler oder Angehöriger eines solchen zu legitimieren.
Kirsten Bollin konnte auch schon sogenannten „Wolfskindern“ bei der Suche nach ihrer Identität helfen. Im damals zum Deutschen Reich gehörenden Ostpreußen aufgewachsen, verloren diese Kinder von Deutschen während und nach Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Eltern und flüchteten u.a. in die Wälder Litauens. Sie wurden von Familien aufgenommen, bekamen neue Namen, um Jahre später zu erfahren, dass sie nicht die sind, die sie zu sein glaubten. Mit der Bitte um Klärung ihrer Herkunft wenden sich viele dann an den Suchdienst des DRK.
Man kann nicht allen helfen
Foto: Heute ist Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung in Deutschland für Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen. Foto: Bundesregierung/Bienert
Doch die Arbeit hat auch ihre Schattenseiten: Wenn der deutsche Gesetzesrahmen keine Einreise ermöglicht, muss Bollin auch diese unangenehme Nachricht überbringen. Denn nicht allen Menschen steht eine Einreise zu, selbst wenn jeder Archiv- und Gesetzestext dreimal gedreht und gewendet wurde. Am Anfang hätten sie solche Rückschläge mitgenommen, berichtet Bollin. Sie habe erst lernen müssen, das schnell hinter sich zu lassen, um mit kühlem Kopf an die nächsten Fälle heranzugehen.
„Learning by doing“ ist das Motto ihres Berufs, für den es keine Ausbildung gibt. Bollin hat Jura studiert und suchte dann einen Job, in dem sie – abseits von Anwaltskanzleien – das Erlernte ganz praktisch umsetzen konnte. So landete sie beim DRK. Sie sei froh über ihre juristische Grundausbildung, zwingend notwendig seisie aber für ihre Arbeit nicht, so Bollin. Langeweile kennt sie nicht, jeden Tag kann ein neuer spannender Fall auf dem Schreibtischlanden. „Man lernt nie aus in diesem Beruf“,betont Katrin Bollin.



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