Polen ist nicht sehr präsent in den deutschen Medien. Immerhin die Fußball-EM bot einem breiteren Publikum die Möglichkeit, etwas mehr über das Land und seine Bewohner zu erfahren. Schekker-Autor Daniel hat es da besser: Er studiert in Warschau und konnte schon einiges über polnische Eigenheiten lernen.
Jedes Mal wenn ich während der Fußball-Europameisterschaft zur Universität ging, kam ich gar nicht umhin, das Spektakel wahrzunehmen, das sich um mich herum abspielte. Meine Hochschule, das Collegium Civitas befindet sich nämlich im 12. Stock des Palasts der Kultur und Wissenschaften, dem „Pałac Kultury i Nauki“. Und dieses mit 231 Metern höchste Gebäude Polens lag mitten in der größten Fan-Zone der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Warschau, d.h. zwischen unzähligen Fanshops, Imbissbuden und Werbeständen von verschiedenen Sponsoren der EM. In der Stadtmitte waren die Bushaltestellen mit Hilfe von Kunstrasen so gestaltet, als würde man in den Sitzreihen eines Fußballstadion Platz nehmen.
Keinen Nachschlag? Wie unhöflich!
Die EM bot Polen die einmalige Möglichkeit, sich international zu präsentieren. So kamen zum Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien allein rund 25.000 deutsche Fans nach Warschau. Das Politikmagazin „Polityka“ merkte an, dass die deutschen Fans zwar „manchmal etwas viel dem Biergenuss frönen und dabei dann auch etwas lauter werden“, dass sich mit ihnen aber gut Fußball schauen ließe.

Daniels Hochschulebefindet sich nämlich im 12. Stock des Palasts der Kultur und Wissenschaften, dem höchsten Gebäude Polens. Foto: Flickr_Spreewasser / www.flickr.com, CC-Lizenz (by)
Die deutschen Fans genossen bei dieser Gelegenheit auch Einblicke in die polnische Kultur, insbesondere in die kulinarische. So konnten sie beispielsweise Piroggen, das sind gefüllte Teigtaschen, und original Krakauer Würste kennenlernen. Und die Polen konnten im Gegenzug ihre Gastfreundschaft beweisen, für die sie bekannt sind. Mir wurde schon als Unhöflichkeit ausgelegt, als ich einmal eine Einladung ausschlug. Dasselbe kann geschehen, wenn man beim Essen einen Nachschlag ablehnt.
Herkunft erleichtert Integration
An solche Eigenheiten musste ich mich erst gewöhnen, als ich im September 2011 nach Warschau kam. Bis dahin studierte ich an der Universität Siegen Politikwissenschaften und Europa-Studien, wollte aber auf jeden Fall auch ins Ausland. Meine Eltern sind beide in Polen geboren und so entschied ich mich für Warschau, um das Flair einer Hauptstadt zu erleben und meine Polnisch-Kenntnisse aufzufrischen. Mittlerweile verstehe ich nicht nur das Polnische, sondern spreche es auch recht gut, wenn auch noch nicht fließend.
Hier studiere ich nun „International Relations and Affairs“ und habe bereits so manche Erfahrung sammeln und viele interessante Leute kennen lernen dürfen. Meine Herkunft erleichterte mir vieles, nicht zuletzt weil sie ein gutes Thema für Smalltalk ist und mir immer wieder den Gesprächseinstieg erleichtert. Als „halber“ Pole wurde ich sehr gut aufgenommen und fühle mich prima integriert.
Geschätzte Mieter
Nichtsdestotrotz wurde hin und wieder „abgeklopft“, inwieweit ich dem Klischee eines Deutschen entspreche, also pünktlich, gut organisiert und ordentlich bin. Dieses Image hat auch seine Vorteile: So erzählte mir eine Freundin, dass viele Vermieter in Polen am liebsten an Deutsche vermieten, weil sie als zuverlässig gelten.
Die urdeutsche Tugend Ordnung ist mittlerweile aber auch im polnischen Sprachgebrauch heimisch geworden ist. So habe ich die Sprüche „Ordnung ist das halbe Leben“ und „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ im Alltag bereits von einigen meiner polnischen Freunde gehört.
Familie und Religion

In Polen ist es nicht unüblich, dass Familien sonntags geschlossen in die Kirche fahren. Foto: martinroell / www.flickr.com, CC-Lizenz (by-sa)
In deren Alltagsleben nehmen zwei Faktoren eine herausgehobene Stellung ein: die Religion und die Familie. Mehr als 90 Prozent der Polen sind Katholiken – und dies nicht nur auf dem Papier. So ist es hier üblich, dass eine Familie jeden Sonntag gemeinsam zur Kirche fährt. Die Kommunion ist folgerichtig eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines jungen Menschen in Polen. Ich habe sogar von Bekannten gehört, dass manche Familien Kredite aufnehmen, um die dazugehörige riesige Feier finanzieren zu können.
Verwandte treffen sich hier generell häufiger an Feiertagen oder auch am Wochenende als ich es aus Deutschland kenne. Beim Urlaub sind dann oft nicht nur Vater, Mutter und Kinder dabei, sondern eben auch Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen.
Das Land der Sprachschulen
Die Mehrheit der jungen Polen ist pro-europäisch und karriereorientiert und richtet sich dabei international aus. Dementsprechend boomt der Markt für Sprachschulen und Sprachkurse. Ich habe nirgendwo auf der Welt so viele Anzeigen für Sprachunterricht auf so engem Raum gesehen wie hier in Warschau.
Die am meisten nachgefragten Sprachen sind dabei in dieser Reihenfolge: Englisch, Deutsch, Spanisch. Deutsch wird in Polen an den weiterführenden Schulen nach Englisch als häufigste Zweitsprache unterrichtet, sogar noch vor Spanisch. Viele junge Polen können sich vorstellen, später irgendwo auf der Welt zu leben – auch in Deutschland. Genauso wie ich mir vorstellen kann später auch einmal im Ausland zu arbeiten.



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