Das US-amerikanische Filmdrama von Richard Linklater, das im Juni 2014 auf die Leinwand kam, erzählt die Geschichte des anfangs sechsjährigen Mason (Ellar Coltrane). Zusammen mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und seiner alleinerziehenden Mutter Olivia (Patricia Arquette) wächst er in einer texanischen Kleinstadt auf und führt das typische Leben eines amerikanischen Jungen.
Die erste Wende in Masons Leben findet beim Umzug der Familie nach Houston statt, wo seine Mutter den Uni-Abschluss nachholen will, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Dort hat er nicht nur mit seiner Schwester zu kämpfen, die eine scheinbare Mustertochter spielt, sondern auch mit den zahlreichen Männergeschichten seiner Mutter. Innerhalb von wenigen Filmminuten ist Olivia eine glücklich verheiratete Frau, eine Patchwork-Familie ist gegründet, und genau da wird dem Zuschauer zum ersten Mal der Zeitsprung bewusst, den Linklater im Verlauf des Films permanent einsetzt. Plötzlich werden Kinder zu Jugendlichen, die Frisuren ändern sich und Mason steckt mitten in der Pubertät…
Familienprobleme im Zeitraffer
Die Kinder haben auch wieder verstärkt Kontakt zu ihrem leiblichen Vater, Mason senior, der eine engere Bindung zu ihnen aufbauen will und viel mit ihnen unternimmt.
Doch der Eindruck von einer glücklichen und harmonischen Familie ist bald zerstört. Die zweite Ehe der Mutter zerbricht an dem Alkoholproblem und Handgreiflichkeiten des Stiefvaters, was Olivia dazu veranlasst, mit ihren Kindern zu fliehen. Für Mason ist das wieder eine tragische Erfahrung von Abschied und Neuanfang.
Der ständige Streit mit der nervigen Schwester, die erste Liebe, der Liebeskummer, das erste Bier und die Entdeckung der Leidenschaft für Fotografie – der Zuschauer ist bei jeder dieser Lebensstationen dabei. In ein paar Stunden Film sieht man einen verträumten, stupsnasigen Jungen zu einem ernsten Mann reifen, der auf das College wechselt.
Banalitäten machen den Film erst authentisch
Wer auf Action und Spannung steht, dem sei von diesem Film abgeraten. Denn wie auch im echten Leben passiert nicht immer etwas unerwartet Großes und Fesselndes. Das Leben selbst wird geformt durch Kleinigkeiten, die der Film so kompakt und gekonnt zeigt.
Die Situationen und Gefühle, die die Protagonisten durchleben, sind universell auf jeden übertragbar. Der besondere Reiz des Films ist es, jemanden buchstäblich vor der Kamera aufwachsen zu sehen. Alle machen eine Entwicklung durch, sogar Mason senior, der vom Rebellen mit Oldtimer zum Familienvater mit Van wird.
Als Zuschauer hat man jedoch nie das Gefühl, einzeln aneinander geschnittene Szenen aus verschiedenen Jahren zu sehen. Linklater schafft es, sie logisch ineinander zu verweben, und erzeugt hiermit einen Film, wie er schwer nachzuahmen sein wird. Das Augenmerk liegt jedoch nicht nur auf der persönlichen Entwicklung der Protagonisten: Auch die Fortschritte der Technik und der Mode- und Musiktrends werden sichtbar. Wenn Mason am Anfang des Films noch mit einem Gameboy spielte, so sieht man ihn später mit einer Wii- Konsole hantieren. Die sich ändernden Frisuren und andere Andeutungen wie zum Beispiel auf den Irak-Krieg und die Wahl Obamas zum Präsidenten helfen dem Zuschauer bei der zeitlichen Einordnung.
Ein experimentell riskantes Werk
Auch wenn der Film hin und wieder langatmig wirkt und man sich mitunter fragt, ob manche Banalitäten und Dialoge tatsächlich notwendig sind, so erkennt man zum Schluss, dass genau diese den Verlauf des Films am meisten prägen.
Der Film war ein experimentell riskantes Werk, da die Entwicklung besonders der jungen Schauspieler nicht vorauszusehen war. Die grandiose schauspielerische Leistung muss an dieser Stelle noch einmal hervorgehoben werden.
Und wer sich kopfschüttelnd darüber beschwert, dass die Zeit wie im Flug vergeht, wird in diesem Film Bestätigung finden.
Boyhood, Filmverleih: Universal Pictures, Regie: Richard Linklater, USA, 2014, 166 Minuten


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