Für acht Monate ist Marie mit dem Weltwärts-Programm nun in Indien und arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation (NGO). Foto: Marie Graef

Ich bin zarte 18 Jahre alt und jetzt bin ich weg. Für acht Monate in Indien, wo ich mein Freiwilliges Soziales Jahr bei weltwärts absolviere. Wie es dazu gekommen ist? Was ihr tun müsst, um selbst diese emotionale Achterbahnfahrt zu erleben? Das erfahrt ihr hier.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich folgende Erkenntnis: Bald ist die Schule vorbei und dann will ich die Welt sehen. Ich ging meine Möglichkeiten durch. Au-pair? Work & Travel? Eine schlichte Weltreise? Das habe ich alles recht schnell wieder verworfen. Erstens wollte ich nicht um den halben Globus reisen, um Kinder zu hüten, zweitens sind die klassischen Work & Travel-Länder überlaufen und drittens bin ich nicht reich.

Einzig das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) bei weltwärts, dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, erfüllte meine Checkliste: neue Erfahrungen sammeln, raus aus Westeuropa und das Ganze auch noch ohne dafür Unsummen hinblättern zu müssen.

Weltwärts gehen

Ich begann meine Recherchetour im Internet bei www.weltwaerts.de. Dort erfuhr ich, dass jeder weltwärts gehen kann, der seinen Hauptschul- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung, die Fachhochschulreife oder Allgemeine Hochschulreife in der Tasche hat und zwischen 18 und 28 Jahren alt ist. Außerdem sollte man an anderen Kulturen interessiert sein. Ist ja logisch, immerhin lebt und arbeitet man nach erfolgreicher Bewerbung sechs bis 24 Monate in einem sogenannten Entwicklungsland. In Gedanken setzte ich die drei Häkchen für „Anforderungen erfüllt“ und rief die Projektbörse auf.

Mein neues Hobby: Bewerbungen schreiben

Jetzt wurde es kompliziert. Über 5000 Plätze, verteilt auf mehr als 200 Entsendeorganisationen, stehen jedes Jahr zur Wahl. Da muss man sich erst mal einen Überblick verschaffen. Ist das erledigt, bleibt meist nicht viel Zeit zum Zögern. Die ersten Fristen enden bereits im Oktober und die Bewerbungen sind umfangreich. Lebenslauf, Motivationsschreiben, 15-seitige, ausgefüllte Fragebögen und vieles mehr werden verlangt.

Was genau, ist bei jeder Organisation ein bisschen anders. Gemeinsam haben sie aber alle, dass ein Großteil der Bewerbung auf Englisch erfolgen muss. (An dieser Stelle möchte ich aus tiefstem Herzen meiner Englischlehrerin danken, die mit einer Engelsgeduld wirklich jeden meiner „He, she, it – das S muss mit“-Fehler eliminiert hat.)

Die Qual der Wahl?

Gruppe von Jugendlichen in indischen Gewändern, winkend
Marie geht mit der Karl-Kübel-Stiftung ins Ausland, die in diesem Jahr 15 Freiwillige entsendet. Bei einem Seminar lernten sie sich kennen. Foto: Marie Graef

Hat man diese Hürde genommen, kommen die Auswahlseminare auf einen zu. Sie finden etwa ein dreiviertel Jahr vor Beginn des Freiwilligendienstes statt. Es gibt Spiele, Essen und viele begeisterte Ehemalige. Klingt nett, ist nett – aber auch ziemlich anstrengend. Immerhin wird man ja ständig beobachtet.

Trotzdem möchte ich keines der Seminare missen, denn nicht nur die Organisation kann uns Bewerber kennen lernen, wir erfahren ebenfalls viel über die Organisation. Das ist ziemlich hilfreich, falls man mehrere Zusagen bekommt und sich für eine davon entscheiden muss.

Mein Favorit war beispielsweise immer eine Stelle in der Türkei. Doch die familiäre Atmosphäre und das, meiner Meinung nach, sehr realistische und effektive Entwicklungskonzept der Karl-Kübel-Stiftung, mit der ich nun weltwärts gehe, hat mich umschwenken lassen. Im Gegensatz zu anderen NGOs (Nichtregierungsorganisation), besteht nur ein winziger Teil ihrer Arbeit, aus dem Entsenden von Freiwilligen. Hauptsächlich leisten sie Entwicklungshilfe im klassischen Sinn. Dabei kooperieren sie eng mit wechselnden, regionalen Organisationen vor Ort und helfen, deren Arbeit nachhaltiger zu gestalten. Ein Musterbeispiel in Sachen „Hilfe zur Selbsthilfe“. Ich lehnte also den Platz für Istanbul ab und beschloss, nach Indien zu gehen.

Ein kleiner Vorgeschmack

Die Karl-Kübel-Stiftung entsendet jedes Jahr nur 15 Freiwillige, wir sind also ein recht überschaubarer Haufen. Bei einem ersten Seminar, fünf Monate vor der Ausreise im September, lernten wir uns besser kennen und waren recht schnell auf einer Wellenlänge. Ich wurde kribbelig vor Vorfreude, aber der Abflug schien noch in unglaublich weiter Ferne zu liegen.

Zwei junge Frauen in indischen Gewändern springen in die Luft, im Hintergrund Felsen
Mittlerweile lebt Marie schon drei Monate in Indien. Den Aufenthalt begreift sie als große Chance. Foto: Marie Graef

Wir lernten in dieser Woche viel über Entwicklungsarbeit und unseren Freiwilligeneinsatz: was sich das Bundesentwicklungsministerium von weltwärts erhofft, wie ein Entwicklungsprojekt überhaupt geplant wird, welche kulturell bedingten Fettnäpfchen wir vermeiden sollten, in welche unangenehmen Situationen wir kommen könnten und wie wir angemessen reagieren. Ich persönlich finde dabei super, dass meine Organisation international nur in Indien tätig ist und die Vorbereitung somit genau auf dieses Land ausgerichtet ist. Das ist eher ungewöhnlich – die meisten Entsendeorganisationen betreuen Freiwillige weltweit.

Countdown!

Im August wurde mir mulmig. Das nächste Seminar stand an. Es war praktischer orientiert als das erste. Trotzdem konnte ich es nicht wirklich genießen. Obwohl ich ja noch immer in Deutschland war, packte mich das Heimweh: Bald würde ich für acht Monate weg von Zuhause sein. Ich wollte die verbleibende Zeit mit meinen Freunden und Familie nutzen – und nicht im Seminar lernen, wie man Freundschaftsbändchen knüpft und Englisch unterrichtet. Nicht einmal die Erzählungen der Ehemaligen und ihre Versicherungen „Keine Sorge, Marie. Das ist völlig normal“, konnten mich aufmuntern.

Langsam bekam ich Angst vor meiner eigenen Courage. Was hatte ich mir da eigentlich eingebrockt? Kann ich das überhaupt? Ich bin glücklich mit meinem Leben, ist es nötig, so weit fort zu gehen? Bis zum Abflug wusste ich die Antworten nicht. Was mir aber klar war ist, dass das Konzept von weltwärts eine riesige Chance darstellt und ich niemanden kenne, der seinen Aufenthalt bereut hat. Der Aufenthalt ist, was man daraus macht. Außerdem war ich ja schon ziemlich neugierig…

Angekommen

Mittlerweile lebe ich seit einem Monat in Indien. Langsam aber sicher kehrt wieder eine gewisse Routine in mein Leben ein. Kühe auf der Straße und dreimal täglich Reis, sind genauso Alltag geworden, wie das Vorbereiten von Englisch- oder Computerunterricht. Was ich dabei jetzt schon gelernt habe: Man wächst an seinen Aufgaben und „No problem! Everything is gonna be alright.“ Manchmal braucht es nur ein bisschen Geduld.

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