Bagger steht auf Schutthalde
In Hoyerswerda sind die Einwohnerzahlen in den letzten zehn Jahren um knapp ein Fünftel zurückgegangen, viele leer stehende Häuser werden “zurückgebaut”. Foto: Robert Köhn / pixelio.de

Einst die „jüngste Stadt der DDR“, stellen die Menschen über 60 Jahren heute fast 40 Prozent der Einwohner Hoyerswerdas. Schekker-Autorin Ruth hat sich auf die Suche nach der Gegenwart und Zukunft einer schrumpfenden Stadt gemacht.

„Hoyerswerda. Meinst du das ernst?“ Positive Reaktionen höre ich nicht, als ich vor vier Monaten beschließe, in dieser Stadt im Nordosten Sachsens meinen ersten Job als Apothekerin in einer Krankenhausapotheke anzunehmen. Meiner Mutter fällt zu Hoyerswerda ein, dass dort irgendwann Anfang der 1990er Jahre Rechtsradikale ein Asylbewerberheim angegriffen haben. Und meine Freunde sagen mitleidig: „Du kennst niemanden. Da ist nichts los. Hoffentlich gehst du da nicht ein.“

Als ich bei meinem ersten Besuch in der Stadt einen älteren Herrn nach dem Weg frage, ist er verwundert über eine Mitte 20-Jährige ohne Ortskenntnis: „Woher kommen Sie? Hamburg? Und jetzt nach Hoyerswerda? Glaub ich ja nicht. Aber ja, machen Sie mal, so schlimm, wie man immer liest, ist es hier nicht.“

Und auch bei meiner Wohnungsbesichtigung laufen der Vertreter der Wohnungsgesellschaft und ich erst einmal aneinander vorbei. „So eine junge Frau hab ich jetzt nicht erwartet. Hatte ich lange nicht mehr.“

Seit 50 Jahren im Wandel

Kaum zu glauben: Eine der heute ältesten Städte Deutschlands war mit einem Durchschnittsalter von unter 30 Jahren zeitweise die jüngste Stadt der DDR. Mitte der 1950er Jahre beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau des Gaskombinats Schwarze Pumpe. In der Folge musste in kurzer Zeit für Tausende Beschäftigte Wohnraum geschaffen werden. So kam es zum Bau der Hoyerswerdaer Neustadt als „sozialistische Wohnstadt“. Die einst beschauliche, sorbisch geprägte Kleinstadt wuchs von 7.000 Einwohnern auf einen Bevölkerungshöchststand von 70.000 Einwohnern in den 1980er Jahren.

So schnell die Stadt wuchs, so schnell schrumpft sie jetzt wieder. Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Mauerfall um fast die Hälfte verringert und mittlerweile ist die Gruppe der 70-80-Jährigen prozentual am stärksten vertreten.

Irish-Pub im Plattenbau


Pub in der Platte: Der Stadtumbau fördert den kreativen Umgang mit der bestehenden Bausubstanz. Foto: Ruth Borchers

Ich bin also in einer alternden Stadt gelandet, in der ich keinen Menschen kenne. In Gedanken stelle ich mir eine ausführliche Bücherliste für einsame Abendstunden zusammen. Doch Details, die ich auf meinen ersten Stadtspaziergängen entdecke, machen mich neugierig auf meine neue Heimat.

In diesem unscheinbaren kleinen Plattenbau hätte ich keinen Irish Pub vermutet, Stromkästen sind über die ganze Stadt verteilt kunstvoll besprüht und zwischen Altstadt und Neustadt steht eine große orange Box, deren Sinn und Zweck mir zunächst verschlossen bleiben. Später erfahre ich, dass sie aus Abrissmaterial erbaut wurde und mal als Informationszentrum, mal als Ausstellungsraums oder Diskussionsforum den Stadtumbau begleitet.

„Wichtiger ist den Hoyerswerdaern ihre Zukunft“

Die Medien haben im Zusammenhang mit Hoyerswerda seit dem Mauerfall meistens einseitig von Rechtsextremismus oder Überalterung berichtet. Oberbürgermeister Stefan Skora ärgert sich über eine Berichterstattung „ohne dass die Reporter die Stadt besucht oder mit den Menschen gesprochen haben”.

Felix Ringel, der im Rahmen seiner Doktorarbeit Feldforschungen über Hoyerswerda betrieben und dafür anderthalb Jahre dort gelebt hat, beschreibt die Stadt als aktiv und lebendig: „In einer ehemaligen sozialistischen Modellstadt hätte man auch so etwas wie Ostalgie erwarten können. Viel wichtiger ist den Hoyerswerdaern jedoch ihre Zukunft. Die Leute fühlen sich der Stadt zugehörig und möchten sich einbringen. Gerade auch die älteren Menschen – es gibt zum Beispiel eine sehr aktive Seniorentheatergruppe, da gehen die richtig ab.“

„Alle, die gehen woll’n, soll’n gehen können“

Und was ist mit den jungen Menschen? „Die kannst du eigentlich alle fragen, die fühlen sich in der Stadt wohl. Aber nach der Schule sind sie alle weg“, so Ringel. „Es gibt schon Projekte, durch die sie an die Stadt gebunden werden sollen. Aber wenn es kaum Jobs gibt, ist das irgendwo schwierig. Aus Abitursklasse, mit der ich zusammengearbeitet habe, ist genau ein Mädchen hiergeblieben.“

Kreative Nutzung des Leerstands


Zwischen Alt- und Neustadt steht die orange Box, die aus Abrissmaterial erbaut wurde und zeitweise in Ausstellungen oder Diskussionsrunden den Stadtumbau begleitet. Foto: Ruth Borchers

Der Bevölkerungsrückgang führt zwangsläufig dazu, dass früher genutzte Gebäude und Flächen nun unbelebt sind. Die Kulturfabrik, ein soziokulturelles Zentrum, in dem Kinder- und Jugendarbeit geleistet wird, Lesungen und Theaterstücke stattfinden, macht genau dies zum Thema verschiedener Projekte.

2009 zum Beispiel die Malplatte: In einem leerstehenden Plattenbau trafen sich vor dem Abriss noch einmal junge und alte Bürger Hoyerswerdas, um ihn zwei Wochen lang von außen und innen zu bemalen. „Da haben die Jugendlichen dann auch irgendwann angefangen, von Haus zu Haus zu ziehen und nach Farbe zu fragen. Hat ja eigentlich jeder im Keller stehen. Und so waren gleich noch einmal viel mehr Leute mit einbezogen, die dann auch vorbeigeschaut haben. Es war ein richtiges Gemeinschaftswerk.“, erzählt eine ältere Frau.

Dieses Jahr ist etwas Ähnliches geplant: In den Wohneinheiten eines Abrisshauses können Bürger drei Wochen lang ihre Ideen umsetzen – ob dies nun Filmprojekte oder Kochkurse sind. So soll kreativ über mögliche Perspektiven der Stadt nachgedacht werden.

Ausblick in die Zukunft

Drei Monate wohne ich nun in Hoyerswerda und bis jetzt ist mir nicht langweilig geworden. Im Gegenteil: Programmkino mit anschließender Diskussionsrunde, bei der der Regisseur anwesend ist oder regelmäßige Lesungen mit nicht ganz unbekannten Schriftstellern wie Clemens Meyer hat nicht jede Stadt dieser Größe zu bieten. Viele Kontakte konnte ich noch nicht knüpfen: Letzten Endes ist es eben doch gerade meine Altersgruppe, die in Hoyerswerda kaum vertreten ist.

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