
„Aber da ist doch Krieg!“ „Bist du verrückt?“ „Bitte fahr’ nicht!“ ̶ All diese mehr oder weniger gut gemeinten Warnungen durfte ich mir anhören, als ich meiner Familie und Freunden verkündete, dass ich für ein Semester nach Kiew in die Ukraine gehen würde. Seit September lebe ich nun schon in der Hauptstadt der Ukraine.
Bis vor einem Jahr kannten die meisten von uns das Land nur im Zusammenhang mit der Fußball EM 2012. Das änderte sich im November 2013, als sich der ehemalige Präsident der Ukraine weigerte, das Assoziationsabkommen zwischen der EU und der Ukraine zu unterschreiben. Da wurden viele Ukrainer wütend. Schon lange wünschten sie sich eine stärkere Annäherung an den Westen und vor allem einen Beitritt zur Europäischen Union. Besonders junge Ukrainer sahen sich einer vielversprechenden Zukunft beraubt.
Ab dem 1. Dezember 2013 kam es deshalb zu wochenlangen Massendemonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, die meistens auf dem Maidan-Platz im Zentrum Kiews stattfanden. Dort hängen heute noch Plakate, worauf Menschen nach Verwandten und Freunden suchen, die seit den Demonstrationen als vermisst gelten. Durch diese Krise ist das Land bis heute gespalten: Russland hat im Osten des Landes die Krim annektiert und in anderen Gebieten im Osten kämpfen bewaffnete Einheiten noch immer um die Abspaltung von der Ukraine.
Auch heute gibt es noch kleinere Proteste vor dem Parlament in Kiew. Foto: Anna Meinig, privat
Zukunftssorgen
Ich spreche oft mit meinen Freunden hier über ihre Zukunftswünsche. Marina* meint: „Ich sehe die Zukunft der Ukraine in der EU und hoffe, dass die Ukraine wieder vereint wird. Ich mag das Leben in der Ukraine, weil sie meine Heimat ist, aber besonders schlimm ist die Korruption hier.“
„Es lässt sich schwer sagen, was morgen auf uns wartet. Wir wollen natürlich eine bessere Lebensqualität erreichen und ohne Angst in die Zukunft schauen“, erklärt Anastasia*. Sie kommt aus dem Osten der Ukraine und ihre Familie ist noch dort. Deswegen hofft sie auf ein schnelles Ende des Krieges.
Gastfreundschaft schlägt Sprachprobleme
Seit einem Jahr gibt es so gut wie keine Touristen mehr in der Ukraine. Verständlich, dass man neugierig ist, warum ich gerade jetzt in die Ukraine komme. Meine Antwort: „Warum nicht? Angst habe ich nur vor Russischtests in der Uni.“ Es gibt so gut wie keine Touristeninformationen, kaum jemand spricht etwas anderes als Ukrainisch und Russisch und auch Speisekarten und öffentliche Hinweisschilder sind für mich vollkommen unverständlich. Allerdings bringen mir die Ukrainer so viel Gastfreundschaft und Neugierde entgegen, dass ich mich sehr willkommen fühle. Meine Freunde helfen mir, bei der Erledingung von wichtigen Behördengängen. Und für alles andere habe ich ja Hände und Füße und hoffentlich bald auch mehr Sprachkenntnisse.
Ich unternehme sehr viel mit meinen Kommilitonen aus Deutsch- und Englisch-Kursen, mit denen ich auf Studentenkonzerte und in Pubs gehe oder Spaziergänge durch Kiew unternehme. Von ihnen erfahre ich viel über das alltägliche Leben in der Ukraine: „Unser Alltag ist im Moment nicht so leicht: Wohnungen sind schrecklich teuer und der Lohn sehr niedrig“, erzählt mir Maria*.
Studentenleben mit 45 Euro im Monat
Ich kann noch immer nicht glauben, mit wie wenig Geld Studenten hier auskommen müssen. Miete und Lebenshaltungskosten ähneln – vor allem in Kiew – durchaus denen in Leipzig. Zwar erhalten viele Studenten ein Stipendium, 700 Hrywna, doch das sind umgerechnet nur rund 45 Euro. Könntet ihr damit leben?
Ein Zimmer im Studentenwohnheim, welches man sich hier mit vier bis sechs Leuten teilt, kostet nur 200 Hrywna (13€). Aber welcher deutsche Student kann sich vorstellen, sich ein Zimmer mit sechs fremden, häufig wechselnden Leuten zu teilen? Hier ist das Normalität.
Ausgehen in Pubs ist immerhin günstiger als bei uns, dafür kostet Kleidung teilweise bis zu 30 Prozent mehr als in Deutschland. Gott sei Dank, habe ich genügend Pullover und Socken mitgenommen.
Viele Studenten werden natürlich von ihren Eltern unterstützt, doch vor allem die, die aus dem Osten der Ukraine stammen, müssen mit dem wenigen Geld des Stipendiums auskommen. Ihre Eltern können nämlich zumeist – wegen der bewaffneten Kämpfe dort – nicht arbeiten und haben selbst kaum genug Geld zum Leben.
Anna hat schon richtig viele Freunde in Kiew gefunden. Foto. Anna Meinig, privat
„Die Ukraine ist meine Heimat“
Doch so schwierig und hart, wie es für uns klingt: den Menschen gefällt es in ihrem Land! „Wenn es mir nicht gefallen würde, dann könnte ich jederzeit ins Ausland gehen. Ich will aber nicht“, sagt Anna*, die aus Kiew stammt.
Menschen aus Donezk oder Luhansk (im Osten) würden im Moment natürlich lieber woanders, weit weg von den Kämpfen, leben. Ein Ukrainer, der aus dieser Region kommt, meint zu den Folgen der Revolution: „Das Leben ist für uns schlimmer geworden. Es gibt Krieg in meiner Heimatstadt, die Separatisten sind an der Macht und unsere Politiker können nichts tun, um dieses Problem zu lösen, ich sehe da keine Zukunft mehr.“
Gespaltenes Land, geteilte Meinungen
Generell gehen die Meinungen, der Menschen die ich hier getroffen habe, weit auseinander.
„Die Revolution hat uns vor allem vereint und uns die Hoffnung gegeben, dass es irgendwann eine bessere Ukraine geben wird“, sagt Maria*. Andere wie Olga* sehen es nicht als Revolution, da „nur die Regierung gewechselt wurde“.
Ich persönlich kann mir zwar nicht vorstellen, für immer hier zu leben, doch das Land, das für seine Rote-Bete-Suppe „Borschtsch“ bekannt ist und mit Metrofahrten für 13 Cent lockt, bewegt mich. Eine Nation, die dafür kämpft, endlich frei von Korruption und den Einmischungsversuchen Russlands zu sein, verdient Unterstützung und Respekt. Meinen hat sie!
* Alle Namen wurden geändert


Neuen Kommentar schreiben