Traditionelle Rikschas, Verkehrschaos und modernes Lebensgefühl. Vietnam ist ein Land voller Extreme. Schekker Autor Florian hat sich mit Einheimischen unterhalten und mehr über die Gratwanderung zwischen Turbo-Kapitalismus und Einparteiensystem erfahren.
Sie stehen stramm. Ihre weißen Uniformen verbreiten selbst im Regen einen majestätischen Glanz. Die Ehrengarde des vietnamesischen Militärs bewacht eines der wichtigsten Gebäude des Landes: das Mausoleum von Ho Chi Minh. Die Soldaten neben dem Glassarg sorgen für ein diszipliniertes Verhalten der Besucher. Darauf wird hier größten Wert gelegt. Auch ich werde dazu angehalten, würdevoll und respektvoll dem Leichnam gegenüberzutreten – 60 Sekunden lang.
Diese Verehrung passt gut in das typische Klischee von Sozialismus und Einparteiensystem. Das strenge und disziplinierte Verhalten wird von allen Besuchern des Mausoleums – egal ob Vietnamesen oder ausländische Touristen – verlangt. Ho Chi Minh gilt schließlich als „Vater der vietnamesischen Nation“. Im Westen kennen wir seinen Namen seit der 68er-Bewegung.
Kämpfer für Freiheit und ewiger Held Vietnams
Ho Chi Minh kämpfte gegen die französischen Besatzer. 1945 rief er nach dem erfolgreichen Kampf die Demokratische Republik Vietnam aus und ernannte sich zum Staatspräsidenten. Seine Kommunistische Partei (KPV) wurde zur Regierungspartei. Auch gegen die US-Armee in Südvietnam führte Ho während der 60er-Jahre einen Befreiungskampf. 1969 starb der stets bescheidene „Onkel Ho“, wie ihn noch heute junge und alte Vietnamesen liebevoll nennen.
In jeder Stadt, in jedem Ort Vietnams, in dem ich war, traf ich auf das markante Gesicht des Staatsgründers: Sei es auf den Geldscheinen der Währung „Đồng“, den im ganzen Land käuflichen Porträts oder auch auf den Propagandaplakaten der KPV. Es ist, als ob Ho Chi Minh nie gestorben wäre.
Meinungs- und Pressefreiheit – Fehlanzeige
Seit der Staatsgründung im Jahr 1945 regiert die KPV mit einem in der Verfassung niedergeschriebenen Monopol. Oppositionsparteien gibt es, wenn überhaupt, nur im Internet. Jeder Versuch eine Opposition zu bilden, wird von der Regierung zerschmettert – so sitzen viele Regimekritiker langjährige Haftstrafen ab. Doch die Menschen sehen größtenteils die positiven Aspekte des Einparteiensystems. So sind viele junge Vietnamesen stolzes Parteimitglied, da sie sich dadurch auch bessere Berufschancen erhoffen.
Alltägliches Leben: Straßenszene in der Hauptstadt Hanoi. Foto: Florian Reil
Aber die Partei bestimmt nicht nur die Richtlinien des Parlaments und der Regierung, sondern auch die der Medien. So werden Zeitungen, Radio und Fernsehsender nur vom Staat veröffentlicht bzw. betrieben. Inmitten des Studentenviertels von Hanoi erzählt mir der vietnamesische Student Tung bei einem Glas Chè, einer traditionellen Süßspeise: „Vietnamesen schauen lieber Vietnam Television, anstatt ausländische Sender wie BBC oder CNN.“ Diese seien nicht nur kostenpflichtig, sondern auch auf Englisch und somit für manche schwer zu verstehen. „Aktuelles Weltgeschehen wird auch in den vietnamesischen Nachrichtensendungen präsentiert“, so Tung.
Neben den staatlichen seien auch die neuen Medien wie Facebook, Twitter oder Youtube sehr beliebt. „Vietnam hat einige eigene soziale Netzwerke wie me.zing.vn oder vnvista.com, doch Facebook ist das Beliebteste“, erzählt Tung. Alle diese Medien sind ebenfalls der staatlichen Zensur und Kontrolle ausgeliefert, da laut Tung, vor allem Leute aus dem Ausland versuchen würden, die Regierung mit falschen Nachrichten zu stürzen. Aber das extrem junge Volk will den weltweiten Anschluss nicht verlieren und ist stolz auf sein Land – auch wenn es ohne Pressefreiheit und Menschenrechte lebt.
Gucci, Apple und unzählige Touristen: Die Wirtschaftsreformen greifen
Andererseits kann Vietnam auch extrem modern sein. Bei den täglichen Moped-Fahrten durch die Hauptstadt Hanoi habe ich mich in einigen Stadtvierteln wie in einer europäischen oder amerikanischen Metropole gefühlt. In gläsernen Gebäudekomplexen werden Pullover von Lacoste, Parfüm von Chanel und die neusten Smartphones angeboten. Einen Unterschied zu Berlin, Paris oder Los Angeles finde ich sowohl in Ho Chi Minh-Stadt (ehemals Saigon) als auch in den neuen Stadtteilen Hanois nicht.
Den Vietnamesen jeden Alters ist es sehr wichtig, Teil der Globalisierung zu sein. So gehören iPad, und iPhone genauso zum Straßenbild wie die traditionellen Rikschas und der chaotische Straßenverkehr. Diese Entwicklung sind die Folgen der Đổi-Mới- Reformpolitik aus den 80er-Jahren, die zu einer Erneuerung des Wirtschaftssystems führen sollte – mit sichtbar großem Erfolg.
Globalisierung im kommunistischen Staat: In Ho Chi Minh-Stadt gibt es auch Filialen von Luxus-Marken wie „Cartier“. Foto: Florian Reil
Ein anderer positiver Aspekt dieser wirtschaftlichen Öffnung ist die wachsende Beliebtheit Vietnams bei internationalen Touristen. Auf meiner Tour war ich nie der einzige Ausländer, der dieses Land näher kennen lernen wollte. Urlauber aus Australien, Russland, England aber auch Deutschland kreuzten meine Wege. Diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren noch weiter vorangetrieben. Baukräne und Bautafeln kündigen schon den Bau vieler weiterer luxuriöser Hotels und Ferienanlagen neben den teuren Baderesorts an der Küste an.
Vietnam – Ein Land mit starken Kontrasten
Traumhafte Landschaft, quirlige Städte, alte Traditionen und Kultur, interessante Geschichte und aufgeschlossene Einwohner: Vietnam hat viel zu bieten. Allerdings müssen die Vietnamesen auch mit der Verfolgung von Regimekritikern, einer Zensur von Medien aller Art sowie der Verletzung von Menschenrechten leben. Die Regierung kümmert sich wenig um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Hinzu kommt noch ein wahres kapitalistisches Wirtschaftswunder. In Vietnam prallen viele Fronten aufeinander. Für die Zukunft sollte eine Frage beantwortet werden: Wie lange ist es möglich, politische Reformen zu verweigern ohne die für die Bevölkerung so wichtige Wirtschaft und den Reiz Vietnams auf ausländische Gäste zu gefährden ?



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