Bis Juli letztes Jahres hatte ich immer nur ein Ziel vor Augen: das Abitur. Mein strukturierter Schulalltag hat mir Halt gegeben und auch wenn ich mich wie jeder andere Schüler immer beschwert habe, hatte ich es rückblickend doch wirklich leicht. Dann, nach insgesamt zwölf Jahren, fand ich mich plötzlich planlos in der finalen Phase meiner Schullaufbahn wieder. Während ich bereits fest entschlossen war, meine freie Zeit nach dem Abi für Reisen zu nutzen, war meine berufliche Zukunft noch völlig offen.
Viele meiner Mitschüler und engen Freunde wussten schon seit der 10. Klasse, welchen Beruf sie wählen und für welches Studium sie sich nach der Schule eintragen wollten. Bei mir war das anders: Wenn mich jemand gefragt hat, was ich studieren möchte, habe ich mir panisch etwas aus der Nase gezogen. Ich dachte in viele verschiedene Richtungen, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen.
Im letzten Schuljahr arbeitete ich dann probeweise in einer Physiotherapie. Der Umgang mit Menschen und die Vielseitigkeit des Jobs weckten meine Begeisterung. Mein Praktikum zeigte allerdings schnell, dass ich mit der täglichen Konfrontation mit dem Tod Probleme habe. Also entschied ich mich, es ganz klassisch mit der Uni zu versuchen. Doch bereits eine Probewoche dort machte mir klar, dass ich mit den Studiengängen Alt- Griechisch und Latein kaum berufliche Optionen hätte.
Gedankenspiele und Notlösungen
Lena hat das Abi in der Tasche. Foto: Lena Bernhardt
In meinem letzten Schuljahr fing ich an zu backen – einfach so. Es war für mich eine praktische Tätigkeit, die einen guten Ausgleich zum stupiden Auswendiglernen von Zahlen und Fakten schuf. Beim Backen konnte ich mich austoben, Neues austesten und das alles, ohne an einen Lehrplan gebunden zu sein. Ich belegte sogar einen Tortenkurs. Aus einem Hobby wurde eine Leidenschaft – und schließlich sogar ein Berufswunsch.
Planlos wie ich war, spielte ich plötzlich mit dem Gedanken einer Konditoren-Ausbildung und fand prompt Unterstützung durch meine Familie. Meine Mutter meinte, diese Ausbildung könnte wirklich gut zu mir passen und auch viele andere bestärkten mich in meiner neuen Zukunftsidee. Negative Kommentare ignorierte ich geflissentlich. Viele meinten, mein Abitur wäre mit der Ausbildung verschwendet, andere hielten diesen Weg für schlecht bezahlt und undankbar. Ich aber sah darin, neben der Möglichkeit ein Hobby zum Beruf zu machen, eine Notlösung, durch die ich endlich einen Zukunftsplan hatte. Nach vielen Bewerbungen und Absagen bekam ich im Juli schließlich die Zusage für ein Praktikum in einer Konditorei in Berlin. Anschließend könne ich eine Ausbildung im gleichen Betrieb beginnen, hieß es.
Drei Monate zwischen Schule und Zukunft
Lena machte sich erstmal nach Irland auf. Foto: Lena Bernhardt
Nun, da ich meine berufliche Zukunft als entschieden betrachtete, widmete ich mich ganz meiner verdienten Freizeit. Mein Abi hatte ich schließlich in der Tasche und das Praktikum war noch lange hin: Die mündliche Zusage bezog sich damals auf ein Praktikum im Oktober. So blieben mir also drei Monate bis der sogenannte „Ernst des Lebens“ beginnen sollte. Zusammen mit meiner Schwester plante ich, die Zwischenzeit in Irland und Italien zu verbringen. Wenn man dabei überhaupt von Planung sprechen kann. Wir buchten den Hin- und Rückflug nach Irland und organisierten einen Mietwagen für den gesamten Zeitraum. Den Rest ließen wir, wie man so schön sagt, einfach auf uns zu kommen.
Es war einfach toll. Genau diese freie Art zu Reisen hat die Zeit im Ausland für mich zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht. Meine Schwester und ich fuhren gemeinsam von Ort zu Ort und waren uns dabei nie sicher, ob und wo wir abends ein Bett finden würden. Ich lernte in dieser Zeit besonders mit stressigen oder unerwarteten Situationen umzugehen und flexibel zu sein. Es war einfach schön, nach der monotonen, geradlinigen Schulzeit die unberechenbare Seite des Lebens kennenzulernen.
Während ich in Irland die Mentalität der Einwohner genoss, verliebte ich mich später in Italien Hals über Kopf in die Landessprache. Während unseres Rom-Aufenthalts begann ich mir autodidaktisch ein paar italienische Phrasen anzueignen und lernte wieder zurück in Deutschland fleißig weiter. Mit der nötigen Lektüre und meinen Vorkenntnissen in Latein fielen mir die Anfänge erstaunlich leicht.
Flexibel bleiben
Lena hatte zunächst den Beruf Konditorin ins Auge gefasst. Foto: Matthew Bietz, flickr.com, CC-Lizenz (CC BY-NC-SA 2.0)
Während ich vor meiner Reise noch das Gefühl hatte, die Zukunft wäre weit entfernt, steckte ich bei meiner Rückkehr plötzlich mittendrin. Die Kommunikation mit der Konditorei in Berlin verlief schleppend. Schließlich kam gar keine Rückmeldung mehr und auch die Wohnungssuche in der Hauptstadt stellte sich als echtes Problem heraus. Frustriert wandte ich mich spontan an eine Konditorei in meiner Heimatstadt und wurde tatsächlich kurzfristig als Praktikantin angenommen.
Die Arbeit in der Konditorei war wie erwartet: Ein Knochenjob, acht Stunden auf den Beinen und viele Routinearbeiten. Doch obwohl ich damit rechnete, begann ich bereits nach der ersten Woche zu zweifeln. Zum ersten Mal nach dem Abitur hegte ich während eintöniger Aufgaben wie Abwaschen oder Teiganrühren den Wunsch etwas zu lernen. Ich fühlte mich auf der einen Seite gelangweilt und unterfordert, auf der anderen Seite aber auch gestresst und überfordert. Kurz: Ich bin keine Konditorin. Ich beschloss Hobby wieder Hobby sein zu lassen und suchte einen neuen Weg.
Am Ziel angekommen
Im Oktober dieses Jahres beginne ich mein Studium in Dresden. Ich bin froh mit meiner Entscheidung. Mein Hauptfach wird italienische Sprache und Kultur sein. Wer hätte gedacht, dass mir mein Latein nochmal Türen öffnen und meine Auszeit im Ausland sogar mein Studium mitbestimmen würde?
Ganz ehrlich: Ich bin froh nicht den geraden Weg gegangen zu sein. Meine Spontanität und Flexibilität kam mir nicht nur auf Reisen zugute, sie half mir vielmehr auch dabei, Wendungen zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Ich durfte aus vielen Perspektiven auf die Zukunft blicken und bin mittlerweile in Hinsicht auf alles, was kommen mag, um einiges entspannter.

